Porträt von Karim Fereidooni. Er lächelt in die Kamera. Ein rotes grafisches Element umrahmt das Porträt.

Unternehmen

28. Juli 2025

„Vielfalt braucht Haltung – nicht nur Programme“

Prof. Dr. Karim Fereidooni im Interview über die Verantwortung von Unternehmen und konkrete Handlungsoptionen für den Alltag

Lesezeit: 5 Min.

Prof. Dr. Karim Fereidooni ist Sozialwissenschaftler und eine der führenden Stimmen zu Rassismuskritik, Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe in einer diversen Gesellschaft. Im Interview erklärt er, warum es nicht reicht, Vielfalt nur zu feiern – und was sowohl Unternehmen als auch jede:r Einzelne proaktiv tun kann, um Teilhabe zum Beispiel am Arbeitsplatz zu fördern.

Herr Prof. Fereidooni, warum ist das Thema Teilhabe und Ausgrenzung gerade für ein Unternehmen wie die REWE Group von Bedeutung?

Karim Fereidooni: Weil ein Unternehmen wie die REWE Group mitten in der Gesellschaft steht – mit Mitarbeitenden, Kundschaft und Partnern, die sehr vielfältig sind. Wer hier nicht sensibel für Ungleichbehandlungen ist, übersieht nicht nur potenzielle Konflikte, sondern auch Chancen. Teilhabe sorgt für ein besseres Betriebsklima und bessere Leistungen – das belegen viele Studien.

Porträt von Karim Fereidooni. Er lächelt in die Kamera.

Über:

Karim Fereidooni

Sozialwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum

Ganz konkret: Welche Schritte kann jede:r gehen, um mehr Offenheit und Teilhabe zu fördern?

Karim Fereidooni: Es beginnt im Kleinen. Zuhören, nicht sofort werten, Rückfragen stellen statt vorschnell urteilen – das sind keine komplizierten Maßnahmen, aber sie wirken. Offenheit fängt mit einer Haltung an: Will ich verstehen oder will ich Recht behalten? Wer sich für das Verstehen entscheidet, wird automatisch sensibler für Diskriminierung und Ausgrenzung.

Sie haben in Ihrem Vortrag viele Begriffe genannt – von Ableismus bis Heteronormativität. Welche dieser Mechanismen begegnen Ihnen im Alltag am häufigsten – und woran erkennt man sie?

Karim Fereidooni: Am häufigsten erlebe ich tatsächlich Alltagsrassismus – also subtile Formen von Ausgrenzung, zum Beispiel durch stereotype Zuschreibungen: „Du sprichst aber gut Deutsch!“ – das soll nett klingen, zeigt aber, dass der oder die andere offensichtlich nicht als Teil der Mehrheitsgesellschaft gesehen wird. Ähnlich verhält es sich mit Heteronormativität, also der Annahme, dass alle heterosexuell sind – das passiert etwa in Gesprächen über Partnerschaften oder Familie. 

Wie können Führungskräfte dafür sorgen, dass sich Mitarbeitende mit Einwanderungsgeschichte gesehen und gefördert fühlen?

Karim Fereidooni: Zuerst, indem sie sich ihrer eigenen Perspektive bewusst sind. Viele Führungskräfte sind sich nicht darüber im Klaren, dass sie selbst mit bestimmten Normen und Annahmen arbeiten. Wer sich mit Fragen wie „Wer wird eigentlich befördert?“ oder „Wem vertraue ich automatisch mehr?“ auseinandersetzt, legt die Grundlage für eine gerechtere Führung. Hinzu kommt: Förderung bedeutet nicht nur Trainings und Programme, sondern auch Raum für Erfahrung und Stimme – und das jeden Tag.

Wenn Unternehmen wie die REWE Group Haltung zeigen und sich klar positionieren, ist das ein starkes Signal. Gerade jetzt braucht es Menschen und Institutionen, die nicht mit dem Wind drehen, sondern auch in stürmischen Zeiten für Offenheit, Toleranz und Demokratie einstehen.

Karim Fereidooni, Sozialwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum

Porträt von Karim Fereidooni. Er lächelt in die Kamera.

Karim Fereidooni, Sozialwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum

In vielen Märkten und Standorten der REWE Group arbeiten sehr gemischte Teams. Was wäre aus Ihrer Sicht eine gute Form des Austauschs, um Vorurteile abzubauen?

Karim Fereidooni: Begegnung auf Augenhöhe ist zentral – aber nicht erzwungen. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Mitarbeitende über ihre Erfahrungen sprechen können, ohne bewertet zu werden. Das kann ein moderiertes Teamgespräch sein, ein regelmäßiger Austausch in kleinen Runden oder auch ein anonymes Feedbacksystem. Wichtig ist: Die Geschäftsführung muss das ernst meinen. Wenn Vielfalt als „Add-on“ gesehen wird, funktioniert es nicht. Vielfalt braucht Haltung – nicht nur Programme.

In Köln fand auch dieses Jahr wieder der CSD statt – ein großes, politisches Event, das wir als REWE Group seit Jahren unterstützen. Gleichzeitig ziehen sich manche großen Sponsoren zurück. Wie groß ist Ihre Sorge über solche gesellschaftlichen Entwicklungen?

Karim Fereidooni: Meine Sorge ist groß, weil wir weltweit beobachten, dass errungene Freiheiten wieder zurückgedrängt werden – sei es im Bereich sexueller Vielfalt, bei Frauenrechten oder im Umgang mit Migrant:innen. Wenn Unternehmen wie die REWE Group Haltung zeigen und sich klar positionieren, ist das ein starkes Signal. Gerade jetzt braucht es Menschen und Institutionen, die nicht mit dem Wind drehen, sondern auch in stürmischen Zeiten für Offenheit, Toleranz und Demokratie einstehen.

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