Karriere

17. August 2022

Jobsharing-Tandem: Eine Stelle, 200 Prozent Hirn

Daniela Charalambis und Kathrin Tischer teilen sich seit zehn Monaten eine Führungsposition. Ein Gespräch über Jobsharing, Absprachen und das nötige Vertrauen.

Daniela Charalambis und Kathrin Tischer teilen sich seit zehn Monaten eine Führungsposition. Ein Gespräch über die richtige Vorbereitung auf ein Jobsharing-Tandem, mögliche Fallstricke, die Bedeutung von Abgrenzung, Vertrauen – und das Feiern gemeinsamer Erfolge.

Frau Charalambis, Frau Tischer, Sie teilen sich im Jobsharing eine Führungsposition. Was sind Ihre Aufgaben?

Daniela Charalambis: Wir sind als Duo gemeinsam für die strategische Ausrichtung der Kommunikation und des Packagings der Eigenmarken REWE Beste Wahl, Wilhelm Brandenburg und der Kosmetikmarke today verantwortlich. Inhaltlich haben wir uns so aufgeteilt, dass Markenkommunikation, -analyse und -strategie bei Kathrin liegen, und Packaging und prozessuale Themen bei mir platziert sind.

Dennoch ergeben sich natürlich große Schnittmengen, weil wir die Marken ja gemeinsam verantworten, und Kommunikation und Verpackung gehören für ein gesamtheitliches Markenbild einfach zusammen. Wir führen aktuell ein Team von zehn Mitarbeitenden und zwei Praktikant:innen.

Porträt von Daniela Charalambis
Über:
Daniela Charalambis

ist Lead Private Label Marketing bei der REWE Group und teilt sich die Führungsposition mit Kathrin Tischer.

Sie bilden seit rund zehn Monaten ein Tandem, wie kam es dazu?

Kathrin Tischer: Das entstand aus dem Bedarf heraus, dass eine Führungsstelle nachbesetzt werden musste, für die zwei Teilzeitkräfte zur Verfügung standen. Und unsere Vorgesetzten waren der Meinung, dass man uns gut kombinieren könnte. Da wir uns nicht sehr gut kannten, als die Idee entstand, haben wir uns vor Tandemstart in einem Kennenlernprozess miteinander vertraut gemacht.

Porträt von Kathrin Tischer
Über:
Kathrin Tischer

ist Lead Private Label Marketing bei der REWE Group und teilt sich die Führungsposition mit Daniela Charalambis.

Wie verlief dieser Kennenlernprozess?

Kathrin Tischer: Mit einem HR-Fragebogen haben wir im Vorfeld grundsätzliche Themen geklärt, um zu sehen, ob wir überhaupt zueinander passen.

Was waren das für Fragen?

Kathrin Tischer: Die in meinen Augen maßgebliche Frage war: Haben wir das gleiche Ziel und den gleichen Anspruch an unsere Stelle? Wenn jemand mit großen Karriereambitionen ein Tandem eingeht mit jemandem, der oder die vor allem Beruf und Karriere miteinander in Einklang bringen will – das würde wahrscheinlich nicht funktionieren.

Oder die Frage nach den Kompetenzen. Wie ergänzen wir uns, wo grenzen wir uns voneinander ab? Das ist bei uns tatsächlich perfekt möglich. Dani ist von Haus aus Designerin, sie betreut das Packaging, ich komme aus der Markenstrategie. Wir grenzen unsere Themen zwar nicht streng voneinander ab, denn wir müssen sie ja beide bearbeiten, aber wir haben für jeden Aufgabenbereich eine Spezialistin in unserem Tandem. Neben diesem Fragebogen bekamen wir vor dem Start auch eine Coach zur Seite gestellt, die uns begleitet hat.

Was haben Sie durch das Coaching gelernt?

Kathrin Tischer: Zum Beispiel mögliche Unsicherheiten des Teams gegenüber unserem neuen Modell gemeinsam zu reflektieren und vorzudenken, sich gemeinsam zu strukturieren und auch zu besprechen, wie wir damit umgehen, wenn es im Team nicht mehr klappen sollte. Und wie wichtig es ist, wöchentliche Feedbacks einzubauen.

Wir haben zusammen sieben Kinder. Da war und ist das Tandem in unseren Augen die richtige Entscheidung.

Daniela Charalambis
Porträt von Daniela Charalambis
Daniela Charalambis

Wie ist Ihre Bilanz nach rund zehn Monaten Jobsharing?

Daniela Charalambis: Wir sind sehr sehr happy miteinander. Wir passen gut zueinander und bewerten die Zusammenarbeit positiv. Natürlich gibt es in der Organisation, in der Projektsteuerung den einen oder anderen Optimierungsbedarf. Dessen sind wir uns bewusst, wir bilden das erste Tandem in unserem Bereich, und manches muss sich noch finden. Aber sowohl von unserem Team als auch von unserer Vorgesetzten erhalten wir positives Feedback. Das Modell kommt gut an.

Auch alle Schnittstellen, mit denen wir zusammenarbeiten, finden es gut und interessant. Auf positive Resonanz stößt vor allem auch, dass eigentlich immer jemand von uns erreichbar ist, und dass wir uns mit „DaniKa“ einen gemeinsamen Namen gegeben und eine gemeinsame E-Mail eingerichtet haben. Wir wollen ja als eine Rolle wahrgenommen werden und daher war es nur konsequent, das mit einem eigenen gemeinsamen Namen zu tun.

In unseren Augen war und ist das Tandem die richtige Entscheidung:  Wir haben zusammen sieben Kinder. Da kommen dann von allen Seiten immer mal „Einschläge“. Hier hilft das Tandem und die hierdurch gewonnene Flexibilität. Wir springen füreinander ein.

Wie alt sind Ihre sieben Kinder?

Daniela Charalambis: Meine vier sind 11,9, 2 und 1…

Kathrin Tischer: … und meine sind 4, 2 und 2.

Bei drei beziehungsweise vier Kindern – wie springen Sie da füreinander ein?

Kathrin Tischer: Jede hat klar definierte Arbeitstage. Wir haben aber relative viele Themen, die kurzfristig entschieden werden müssen. Wenn es zum Beispiel ein Kommunikationsthema ist, und ich bin nicht da, übernimmt Dani oder koordiniert, so dass die Dinge weiterlaufen können. Und umgekehrt. Wir versuchen natürlich, intern so zu kommunizieren, dass das Team immer weiß, woran es ist und an wen es sich wendet, wenn es mal brennt.

Hier hilft auch eine gemeinsame Mailadresse, über die wir beide die E-Mails erhalten. Wir schauen regelmäßig in unseren Posteingang, auch wenn wir gerade nicht erreichbar sind. Was unsere Erreichbarkeit angeht, haben wir alles gut aufgebaut. Wir müssen eher lernen, uns noch mehr abzugrenzen.

Unsere Führungspositionen hätten wir mit 60-Prozent-Stellen alleine nicht wieder übernehmen können.

Kathrin Tischer
Porträt von Kathrin Tischer
Kathrin Tischer

Welche weiteren Herausforderungen gibt es?

Daniela Charalambis: Das wichtigste Thema ist die Synchronisierung, also bei Übergaben so effizient zu informieren, dass die andere sich im Thema auskennt, ohne dass sie genauso viel Zeit darin investiert, wie man selbst.

Wie lösen Sie das Synchronisierungsproblem?

Daniela Charalambis: Wir arbeiten mit Notes und haben ein gemeinsames Notizbuch, dort sind die Projekte abgebildet, wir pflegen unsere akute To-do-Liste für die Woche, übertragen neue Infos, die hereinkommen. Wenn es dennoch unklare Themen gibt, besprechen wir diese zweimal wöchentlich im Synchronisierungsmeetings.

Welche Vorteile bietet das Tandemkonzept?

Daniela Charalambis: Ganz klar die Flexibilität! Dass ich Beruf und Familie besser unter einen Hut bekomme. Das gilt natürlich nur in meinem Fall, denn es müssen ja nicht immer Kinder dahinterstecken, wenn man sich für Jobsharing interessiert.

Vorteile ergeben sich aber nicht nur für uns, sondern auch fürs Unternehmen. Man ist zu zweit. Man denkt nicht alleine über ein Thema nach, sondern, wie Kathrin immer sagt: Wir sind 200 Prozent Hirn. Man kann für eine Position viel mehr Skills abbilden. Wir haben beide einen völlig unterschiedlichen Hintergrund, so etwas in einer einzigen Person zu finden, ist vermutlich äußerst selten.

Kathrin Tischer: … und das für den Kostensatz von nur 140 Prozent. Wir arbeiten beide knapp 70 Prozent, sind also zusammen 140 Prozent. Wenn ich die Synchronisierungszeit von zusammen vier Wochenstunden abziehe, die wir beide benötigen, bilden wir immer noch 130 Prozent ab. Und, wie gesagt, 200 Prozent Hirn…

Das heißt: Win-Win-Situation für Arbeitgeber und für Arbeitnehmer?

Kathrin Tischer: Ja. Wir kommen beide aus Führungspositionen, die hätten wir mit 60-, 70-Prozent-Stellen – mehr geht mit so vielen Kindern derzeit nicht – alleine nicht wieder übernehmen können. Aber so können wir andocken, wo wir vorher aufgehört haben und auch weiterhin mit unseren Kompetenzen Mehrwert bringen. Aber eben ohne sich gefühlte 24/7 für unsere diversen Rollen zu zerreißen – sondern eine ganze Ecke ausgeglichener.

Und vielleicht noch ein wichtiger Punkt: Wir sind füreinander ja nicht nur Motivatorinnen, sondern auch Coaches. Ich kann von Dani eine ganze Menge lernen, sie von mir. Und so entwickeln wir uns beide weiter, das hilft beruflich und persönlich.

Worauf kommt es in Ihrer Zusammenarbeit an?

Kathrin Tischer: Wir müssen schauen, wie wir das komplette Konstrukt aus Beruf und Privatem unter einen Hut bekommen. Und das ist so herausfordernd, dass wir nur mit Pragmatismus und gegenseitigem Vertrauen – wie es bei uns beiden voll da ist – das Beste aus der Situation machen. Wir haben aufs Private bezogen großes Verständnis füreinander und wir haben fachlich größtes Vertrauen ineinander. Nur so funktioniert es. Und das ist der Grund, warum man im Vorfeld klären muss, ob man zusammenpasst.

Und welche Eigenschaften sollte ein Tandem allgemein mitbringen, damit es zusammenpasst?

Daniela Charalambis: Kein Alphatier, sondern ein Teamplayer sein, denn alles läuft unter einem gemeinsamen Dach. Wenn man im Konkurrenzdenken verhaftet bleibt, ist das nicht das richtige Modell für einen.

Kathrin Tischer: Man muss maximal im „Wir“ denken. Man darf nicht denken: Die andere stellt der Geschäftsleitung meine Präsentation vor. So ist es nicht, denn sie macht das ja als „Wir“ – und es ist eine gemeinsame Leistung. Keine Einzelleistung. Wir sind nur erfolgreich, wenn wir maximal als DaniKa denken und nicht als Einzelperson. Wir stehen füreinander ein. Wenn Kritik kommt, ist es unsere Kritik, wenn uns etwas gelungen ist, dann feiern wir es. Gemeinsam.

Jobsharing ist Teil der Mitarbeitendenpolitik

Führen im Jobsharing ist Teil der familien- und lebensphasenbewussten Mitarbeitendenpolitik der REWE Group. Dafür erhielten die Kölner Zentralstandorte der REWE Group jüngst zum vierten Mal in Folge das Zertifikat „audit berufundfamilie“. Es verspricht, dass in den kommenden drei Jahren weitere Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben umgesetzt werden. Dazu gehören neben Führen im Jobsharing-Tandem auch verstärkt Männer für Teilzeit zu gewinnen oder den Scheinwerfer auf die älteren Mitarbeitenden zu richten.

Neben den Kölner Zentralstandorten sind so gut wie alle REWE Group-Bereiche nach dem audit zertifiziert. So ist beispielsweise PENNY der erste und bislang einzige Discounter, der sich zertifizieren ließ. REWE ist der größte berufundfamilie-zertifizierte Arbeitgeber Deutschlands.

Das Zertifikat audit berufundfamilie, ein renommiertes Qualitätssiegel für die nachhaltige Gestaltung der betrieblichen Vereinbarkeitspolitik, wird alle drei Jahre vergeben. Es versteht sich als eine Art Marketinginstrument zur Steigerung der Arbeitgeberattraktivität.