Nachhaltigkeit

25. Juni 2021

Aqua­kultur: Mit Barsch und Basili­kum die Dach­farm ver­sorgen

Kurze Transportwege und Kühlketten, bessere CO2-Bilanzen – auf der Dachfarm des REWE Green Farmings werden mittels „Aquaponik“ Buntbarsche und Basilikum ressourcenschonend gezüchtet.

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Ressourcenschonung durch grüne Märkte

Green Building neu gedacht – mit dem Green Farming-Markt von REWE hat in Wiesbaden ein Markt eröffnet, der die Blaupause für alle künftigen Neubauten darstellt. Die REWE Group setzt bereits seit 2008 auf ressourcenschonende Märkte. Mittlerweile wurden mehr als 275 Märkte von REWE, PENNY sowie toom Baumärkte nach dem Green Building-Standard gebaut. Mit der neuen Generation grüner Märkte macht die REWE Group wieder einen bedeutenden Schritt auf dem Weg, ihr Klimaziel zu erreichen.

Alles begann vor etwa vier Jahren: REWE und das damalige Start-up „ECF Farmsystems“ starteten in Berlin eine Zusammenarbeit für die Zukunft. Um was es dabei ging? Barsch trifft Basilikum – beides in ressourcenschonenden Kreisläufen angebaut und direkt in den REWE-Märkten der Region verkauft.

Das neue REWE Green Farming ist weit mehr als ein Supermarkt – der Markt ist zugleich Produktionsstätte für ressourcenschonend erzeugte, regionale Lebensmittel. Ganz konkret für rund 800.000 Basilikumpflanzen und 20.000 Buntbarsche jährlich. Und das alles auf einer Dachfarm mitten in der Stadt.

Der besondere Clou: Die auf der gläsernen Dachfarm gezogenen Basilikumpflanzen versorgen die rund 480 REWE-Märkte in Hessen und in Teilen von Rheinland-Pfalz mit frischem Basilikum. Durch die umweltfreundlichere Verpackung können 12 Tonnen Kunststoff pro Jahr gespart werden. Die Barsche werden in 13 Bassins auf rund 230 Quadratmetern gezüchtet, und ebenfalls noch vor Ort zum Transport in die REWE-Märkte der Region verarbeitet.

Alles im Kreislauf

Auf der Dachfarm in Wiesbaden-Erbenheim ist sprichwörtlich alles im Fluss: Unter anderem das in einer Zisterne aufgefangene Regenwasser speist die Fischbassins und die Fische düngen wiederum das Gießwasser für die Basilikumpflanzen – in zwei perfekt ineinandergreifenden, abgeschlossenen Kreisläufen. Aber wie funktioniert „Aquaponik“ im Detail? Anders als in der konventionellen „Aquaponik“, in der Fische und Pflanzen in einem gemeinsamen Wasserkreislauf produziert werden, setzt das ECF-System auf zwei Kreisläufe, die gekoppelt betrieben werden: den Aquakultur-Kreislauf für die Fisch- sowie den Hydroponik-Kreislauf für die Pflanzenproduktion. Im Kreislauf der Aquakultur für die Aufzucht der Barsche zirkuliert das gesammelte Regenwasser aus der Zisterne des Marktes.

Die Ausscheidungen der Fische werden aus diesem Wasser herausgefiltert und biologisch in Pflanzendünger umgewandelt. Die Basilikum-Pflanzen wiederum stehen in den Gewächshäusern der Dachfarm auf sogenannten „Ebbe-Flut-Tischen“ und werden mit dem „Fischwasser“ gegossen, erhalten dadurch ihre Nährstoffe und wachsen besonders gut. Und genau diese Kombination aus Fisch- und Pflanzenkreisläufen macht das Prinzip der „Aquaponik“ aus.

Nicolas Leschke, einer der Gründer und Geschäftsführer von ECF Farmsystems, ist sich sicher: „Aquaponik beziehungsweise Urban Farming ist auf jeden Fall ein Teil der Zukunft der Lebensmittelerzeugung, denn es geht um kurze Transportwege, kurze Kühlketten, bessere CO2-Bilanzen. Und vor allem geht es darum, dass man auf kleinem Raum viel produziert, und das ressourceneffizient.“

Aquaponik auf einen Blick

Aquaponik ist eine Kombination aus Fischzucht und Pflanzenanbau. Barsch und Basilikum werden in zwei ressourcenschonenden und zusammenhängenden Kreisläufen kultiviert: dem Aquakulturkreislauf für die Frischproduktion und dem Hydroponik-Kreislauf für die Pflanzenproduktion.

Das Kreislaufsystem des REWE-Partners ECF-Farmsystems ermöglicht eine Produktion mit bis zu 90 Prozent weniger Wasserverbrauch gegenüber herkömmlicher Landwirtschaft.*

*Quelle: https://www.ecf-farm.de/

Grafik stellt den Kreislauf von Aquaponik dar.

„Ich hatte immer den Traum vom selbst produzierenden Supermarkt im Kopf“

Nicolas Leschke ist Gründer von ECF Farmsystems, einer Firma, die Fische und Basilikum auf nachhaltige Weise in Kreislaufsystemen produziert. Im Interview erklärt er, wie die Kombination aus Fischzucht und Pflanzenanbau funktioniert und wieso Urban Farming für ihn ein Teil der Zukunft der Lebensmittelproduktion ist.

Portrait von Nicolas Leschke.
Über:
Nicolas Leschke

ist Gründer von ECF Farmsystems.

Das neue Green Building zeichnet sich unter anderem durch eine innovative Dachfarm aus, in der Basilikum und Fisch aufgezogen werden. Diese Kombination aus Fisch- und Pflanzenzucht nennt sich „Aquaponik“ – was kann man sich darunter genau vorstellen und wie funktioniert das?

Nicolas Leschke: „Aquaponik“ ist ein sogenanntes Kofferwort aus „Aqua“ und „Ponik“. Das „Aqua“ steht in dem Fall für die Fischaufzucht, „Ponik“ für den erdenfreien Anbau. Bei der Dachfarm auf dem Green Building haben wir eine adaptierte Form der Aquaponik, weil wir mit Erde arbeiten, aber es geht im Grunde um effiziente Lebensmittelproduktion in Kreisläufen.

Ganz konkret bedeutet das: Die Aquakultur an sich ist schon ein Kreislauf – das Wasser zirkuliert, wir haben Fische, die gefüttert werden und feste und flüssige Ausscheidungen produzieren. Die flüssigen Ausscheidungen werden biologisch umgewandelt in Pflanzendünger. Und das Wasser nutzen wir dann in unseren Gewächshäusern für unsere Pflanzen als Gießwasser. Die Pflanzen ziehen sich dann wiederum die Nährstoffe aus dem Wasser und wachsen dadurch hervorragend. Und genau diese Kombination aus Fisch- und Pflanzenkreisläufen nennt man „Aquaponik“.

Das Basilikum wächst in der Dachfarm in einer sogenannten Hydroponik-Anlage…

Nicolas Leschke: Genau. Das ist eine Hydroponik-Anlage, die wir ein wenig zweckentfremden, weil wir nicht nur mit Wasser arbeiten, sondern auch mit Erde. Aber im Grunde ist es ein „Ebbe-Flut-System“ – die Pflanzen stehen auf „Ebbe-Flut-Tischen“ und werden mit dem Fischwasser geflutet, erhalten dadurch ihre Nährstoffe und wachsen besonders gut.

…und die Fische werden in einer geschlossenen Kreislaufanlage ein Stockwerk tiefer gezüchtet.

Nicolas Leschke: Richtig. Auf der rechten Seite vom Markteingang befindet sich eine Betonwand – und dort befindet sich im ersten Stock die Aquakultur-Anlage, in der die „Urban Farmers“-Barsche heranwachsen.

Das gesamte Green Building-Konzept bei REWE steht ja im Zeichen der Nachhaltigkeit – was ist für Sie das Herausragende beim „Green Farming“?

Nicolas Leschke: Im Grunde ist für mich das Herausragende die Produktion direkt am Standort. Meine Vision ist es, Menschen mit nachhaltig erzeugten Lebensmitteln zu versorgen. Ich hatte immer diesen Traum vom selbst produzierenden Supermarkt im Kopf und ich freue mich sehr, dass wir das hier in Wiesbaden mit REWE als Partner umsetzen konnten.

Außenansicht Dachfarm mit Erklärtafel.

Mit Aquaponik wird auf kleinem Raum viel produziert.

In der Dachfarm des Green Buildings wird zwölf Monate im Jahr angebaut und gezüchtet. Wie schaffen Sie das?

Nicolas Leschke: Also gerade im Gewächshaus ist es so, dass wir natürlich im Winter zu wenig Licht haben. Aus diesem Grund haben wir eine sogenannte Assimilations-Beleuchtung: Wir haben Hochleistungs-LEDs, mit denen wir versuchen, das Spektrum der Sonne zu imitieren – dadurch können wir Sommer wie Winter gleichbleibende Quantität und Qualität produzieren.

Und wie kommen Fisch und Basilikum letztlich in die REWE Märkte der Region?

Nicolas Leschke: Das ist auch ein sehr schönes System. Wir produzieren auf dem REWE-Dach und der Markt wird jeden Tag von LKW mit frischen Waren beliefert. Die LKW nehmen dann auf den Leerfahrten zurück ins Zentrallager unser Basilikum und Fisch direkt mit. Vom Zentrallager aus wird beides dann an die Märkte in der Region ausgeliefert.

Es ist auf jeden Fall ein Teil der Zukunft, denn es geht um kurze Transportwege, kurze Kühlketten, bessere CO2-Bilanzen.

Nicolas Leschke
Portrait von Nicolas Leschke.
Nicolas Leschke

Normalerweise wird Obst und Gemüse ja eher auf dem Land angebaut. Jetzt sind wir mit der Produktion mitten in der Stadt – was genau macht dieses „Urban Farming“ aus und ist das vielleicht sogar die Zukunft?

Nicolas Leschke: Es ist auf jeden Fall ein Teil der Zukunft, denn es geht um kurze Transportwege, kurze Kühlketten, bessere CO2-Bilanzen. Und vor allem geht es darum, dass man auf kleinem Raum viel produziert, und das ressourceneffizient. Und das ist auch der Schlüssel: Ich glaube, dass wir als Menschen schauen müssen, wie wir es in allen Aspekten des Lebens schaffen, mit weniger mehr zu machen – also weniger Ressourcen zu verbrauchen und mehr zu generieren.