Unternehmen

6. Januar 2021

Genos­sen­schaften – ein zeit­loses Erfolgs­mo­dell

Deutschland ist das Genossenschaftsland Nr. 1 in Europa, und die REWE Group ist nicht nur eine der ältesten, sondern auch eine der erfolgreichsten. 1.800 Kaufleute sind in ihren regionalen Genossenschaften unternehmerisch aktiv. Sie betreiben – mit steigender Tendenz – rund 2.200 REWE- und Nahkauf-Märkte. 81 Prozent der Kaufleute sind Einzelbetriebsunternehmer:innen und betreiben einen Markt. Mehr als 300 Kaufleute bringen ihr Wissen und ihre Erfahrung als Themenexperten-Kaufleute (TEK) in die Weiterentwicklung der REWE ein.

Zu den intimsten Kennern des Genossenschaftswesens gehört Thomas Nonn, Bereichsvorstand Selbständigkeit und Genossenschaft. Er vertritt die Interessen der Selbständigen innerhalb des Konzerns, aber auch außerhalb bis zur europäischen Ebene. Warum die Genossenschaft als Unternehmensform die bessere Alternative ist und welche Chancen Unternehmertypen in der REWE Group haben, erklärt der Manager im Interview.

Herr Nonn, warum ist eine Genossenschaft ein zeitloses Organisationsmodell?

Thomas Nonn: Das genossenschaftliche Organisationsmodell ist zukunftweisend. Es zeugt von großer Verantwortung, eine Wirtschaftsform zu wählen, die das selbständige Unternehmertum fördert. Viele Ideen waren stets aktuell und sind es noch immer. Nachhaltigkeit zum Beispiel steckt in der Ur-DNA der Genossenschaften. Selbständige Existenzen sollen über Generationen hinweg erhalten bleiben.

Also müssen sich Genossenschaften hinter kapitalmarktorientierten Unternehmen nicht verstecken?

Thomas Nonn: Im Gegenteil: Genossenschaften sind im Vergleich zu kapitalmarktorientierten Unternehmen die bessere Alternative, weil sie einen bedeutenden gesellschaftlichen und sozialen Auftrag erfüllen. Dies gilt nicht nur für das Bankenwesen, die Landwirtschaft und den Handel, sondern in Deutschland in besonderem Maß zum Beispiel auch für den Wohnungsmarkt. Wohnungsgenossenschaften vermieten in Deutschland rund 2,2 Millionen Wohnungen zu Konditionen, die auf dem freien Markt nicht erzielt werden können. Ein weiteres Plus: Genossenschaften werden demokratisch verwaltet und kontrolliert. Die Mitglieder bestimmen als Eigentümer alle wesentlichen Angelegenheiten mit und bringen sich mit ihrem Knowhow in die Weiterentwicklung des Unternehmens aktiv ein. In dieser Ausprägung gibt es das in keiner anderen Gesellschaftsform.

Was bedeutet das für die REWE Group?

Thomas Nonn: Unsere Kaufleute sind das Herzstück unserer Genossenschaft, sie profitieren von den Leistungen der Organisation und bringen sich gleichzeitig aktiv ein. Als Mitglieder der Regionalgenossenschaften sind die Kaufleute direkt oder durch gewählte Vertreter in die wesentlichen Meinungsbildungsprozesse eingebunden. Einige Kaufleute bringen sogar als Manager in den Vertriebsregionen ihre Erfahrung und Expertise ein und entscheiden mit. Auf diese Weise wird die Perspektive der Kaufleute in jeden Veränderungsprozess einbezogen und wir gelangen so zum besten Ergebnis für alle.

Genossenschaften sind im Vergleich zu kapitalmarktorientierten Unternehmen die bessere Alternative, weil sie einen bedeutenden gesellschaftlichen und sozialen Auftrag erfüllen.

Thomas Nonn, Bereichsvorstand
Porträt von Thomas Nonn
Thomas Nonn, Bereichsvorstand

Ist es da nicht schwierig, strategische Entscheidungen zu treffen?

Thomas Nonn: Nein. Da Management und Anteilseigner niemand anderem Rechenschaft ablegen müssen über strategische Entscheidungen, können sie stabil und langfristig arbeiten, ohne auf jedes Störfeuer reagieren zu müssen. Das ist ein wesentlicher Vorteil. Neben der notwendigen Ausrichtung auf wirtschaftlichen Erfolg kann das Management auch andere Werte wie gegenseitiges Vertrauen und konstruktives Miteinander forcieren. Das wird beispielsweise spürbar durch Kaufleute, die sich über Jahrzehnte hinweg aktiv als Themenexperten Kaufleute einbringen sowie durch die Strategischen Ausschuss Sitzungen (SAS), welche auf regionaler und nationaler Ebene als regelmäßige Austausch-Plattformen zwischen Kaufleuten und Management genutzt werden.

Welche Herausforderungen gibt es, geeignete Bewerberinnen und Bewerber für die Selbständigkeit mit REWE zu finden?

Thomas Nonn: Die Anzahl der Bewerbenden ist sehr gut, aber die Passung von geeignetem Kandidaten und Standort ist unsere größte Herausforderung. Räumliche Flexibilität ist daher gern gesehen. Eine weitere Hürde ist der Umfang der Vorbereitungszeit auf die Selbständigkeit, der häufig unterschätzt wird. Wir erarbeiten für jede Bewerberin beziehungsweise Bewerber einen maßgeschneiderten Einarbeitungsplan, der in Dauer und Schwerpunktthemen von den individuellen Vorkenntnissen abhängt. Interessierte können sich auf der REWE-Karriereseite (https://karriere.rewe.de/selbststaendig) über Einzelheiten und die verschiedenen Kooperationsmodelle informieren.

Sie vertreten die Interessen der Selbständigen und der Genossenschaften auch in mehreren Verbänden auf nationaler und europäischer Ebene. Wie passen Ihre unterschiedlichen Funktionen zusammen?

Thomas Nonn: Meine Funktionen ergänzen sich prima, weil es letztlich immer darum geht, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen selbständige Händler durch ihre Organisationen unterstützt werden und bestmögliche Erfolge erzielen können. Meine Ziele als Präsident von „Independent Retail Europe“ sind dieselben wie in meinen anderen Funktionen, nämlich alles dafür zu tun, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Genossenschaften und ihren Mitgliedern ein erfolgreiches Wirtschaften ermöglichen. Eine wichtige Aufgabe ist es, fehlgeleitete Wahrnehmungen in der Politik und der Öffentlichkeit zu korrigieren und Verständnis für die Arbeit von kooperierenden Geschäftsmodellen im Handel zu schaffen.

Ein Beispiel für eine solche Zusammenarbeit ist die REWE Lokalpartnerschaft, in der unsere REWE Kaufleute sich freiwillig zu Leitlinien der nachhaltigen Zusammenarbeit mit lokalen Lieferanten und Erzeugern verpflichtet haben. Diese Kooperation von Händlern und Erzeugern auf Augenhöhe gibt es schon lange. Eine zusätzliche Regelung durch das Gesetz gegen unfaire Handelspraktiken wäre hier nicht nötig gewesen, denn mit der Lokalpartnerschaft bieten wir den Bäuerinnen und Bauern längst ein hohes Maß an Verlässlichkeit und Sicherheit unter anderem bei Mengenabnahmen, bei der Vermarktung und bei den Preisen.

REWE Group

Die Erfolgsgeschichte der REWE wurde von Beginn an maßgeblich durch die selbständigen Kaufleute geprägt. Die REWE Group entstand im Jahre 1927 durch den Zusammenschluss von 17 Einkaufsgenossenschaften und ist somit seit ihrer Entstehung eine genossenschaftliche Unternehmensgruppe. Diese Wurzeln prägen das REWE-Leitbild bis heute. Die Selbständigkeit ist ein fester Bestandteil der REWE-Kultur.

Independent Retail Europe

Independent Retail Europe ist der europäische Dachverband der Verbundgruppen selbständiger Einzelhändler im Food- und Non-Food-Bereich. Mitglieder sind Verbundgruppen, Verbände von Verbundgruppen und Serviceorganisationen, darunter Conad, Edeka, Euronics, Expert, FCA, ICA, Intersport, Markant, REWE, Système U oder Spar. Insgesamt vertritt Independent Retail Europe mehr als 380.000 Händler.

Thomas Nonn

Bereichsvorstand

Porträt von Thomas Nonn

Bereichsvorstand Thomas Nonn verantwortet in der REWE Group den Geschäftsbereich der Selbständigen.

Er gehört zu den Vätern des „REWEformer“, der die selbständigen Kaufleute der REWE wieder mehr in den Fokus gerückt und deren Einbindung in die Entscheidungsprozesse manifestiert hat. Nonn engagiert sich auf genossenschaftlicher Verbandsebene außerdem im Präsidium des Mittelstandsverbund – ZGV e.V..

Seit 2019 ist er zudem Präsident von Independent Retail Europe. Darüber hinaus gehört er dem Verbands- und Verwaltungsrat des DGRV (Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband e.V.) an und ist im Vorstand des Fördervereis für das Genossenschaftswesen an der Universität zu Köln sowie als Aufsichtsrat bei der ADG (Akademie Deutscher Genossenschaften) in Montabaur aktiv. Außerdem gehört Nonn dem Vorstand der Deutschen Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft an.

Porträt von Thomas Nonn

Das genossenschaftliche Organisationsmodell ist zukunftweisend. Es zeugt von großer Verantwortung, eine Wirtschaftsform zu wählen, die das selbständige Unternehmertum fördert.

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