Politik

14. Juni 2023

„Wir müssen die Mehrwerte von Bio-Produkten aufzeigen“

Matthias Sinn ist beruflich wie privat überzeugter Bio-Konsument und erläutert in der aktuellen Stimme des Monats, warum der ökologische Anbau starke Partner:innen und einen offeneren Diskurs braucht.
Lesezeit: 5 Min.

Liebe Leser:innen,

ein Politikum am Frühstückstisch: Die Diskussion um eine nachhaltige Ernährung ist längst in den privaten Kreis vorgedrungen. Ich finde das gut. Denn auch wenn die Diskussionen manchmal herausfordernd sind, brauchen wir einen offenen und fairen Diskurs darüber, wo unser Essen herkommt. Welchen Fußabdruck es in Bezug auf den Klimawandel hinterlässt und worin unsere persönliche aber auch die unternehmerische oder politische Verantwortung dabei liegt. Ich bin der festen Überzeugung, dass „Bio“ ein wichtiges Puzzleteil für eine nachhaltige Ernährung und eine nachhaltige Landwirtschaft ist – auch damit landwirtschaftlich genutzte Böden noch in 40 Jahren bewirtschaftet werden können.

Ich bezeichne mich selbst gerne als Herzblut Category Manager und Bio-Überzeugungstäter. Dennoch steht für mich fest, dass wir keine Verbote aussprechen sollten, sondern attraktive Alternativen aufzeigen und so unseren Kund:innen eine Möglichkeit bieten, nachhaltigere Produkte zu kaufen. Denn Fakt ist auch: Als Vollsortimenter und Nahversorger wollen wir ein möglichst vielfältiges Angebot für unsere Kund:innen schaffen. Mit Blick auf Bio-Artikel ist aber auch entscheidend, dass wir die Mehrwerte der Produkte aufzeigen, ja ihre Geschichte erzählen. Diese Aufklärungsarbeit ist meiner Meinung nach ebenso Aufgabe des Handels, von Verbänden oder Herstellern, aber natürlich auch der Politik.

Wir beobachten, dass unsere Kund:innen in der Stadt signifikant affiner für Bio- oder auch vegane Produkte sind. Die Stadt- und Landbevölkerung ernähren sich also – zumindest in Teilen – unterschiedlich. Mir ist dieser Punkt besonders wichtig, denn Bio darf nicht zu einem Statussymbol oder politisiert werden. Wir müssen Bio „massentauglich“ machen und hier sehe ich bei der REWE Group als bundesweiter Nahversorger eine besondere Verantwortung, der wir uns schon lange bewusst sind.

Ich bin der festen Überzeugung, dass „Bio“ ein wichtiges Puzzleteil für eine nachhaltige Ernährung und eine nachhaltige Landwirtschaft ist.

Matthias Sinn, Head of Omnichannel Category Development bei REWE
Porträt von Matthias Sinn
Matthias Sinn, Head of Omnichannel Category Development bei REWE

Bereits 1988 haben wir eine Bio-Eigenmarke namens „Füllhorn“ in unsere Regale gebracht. Mit „REWE Bio“ betreiben wir den größten Bio-Vertragsanbau für Obst und Gemüse in Deutschland. Auch sind wir Deutschlands größter Partner von Naturland und weisen zum Beispiel seit Kurzem Ware von Höfen aus, die sich gerade in der Umstellungsphase hin zu einem Bio-Betrieb befinden. Gemeinsam mit Naturland kennzeichnen wir die Umstellungsware als „REWE-Wegbereiter“: die Produkte werden schon unter „Bio“-Anforderungen produziert, dürfen sich aber noch nicht „Bio“ nennen. Dafür können die Landwirt:innen durch den Mehrerlös einen Teil ihrer Umstellungskosten refinanzieren. Auch so wird mehr ökologischer Anbau geschaffen. Die strategische Partnerschaft mit Naturland besteht übrigens bereits seit mehr als zwölf Jahren und ist in ihrem Umfang einzigartig im deutschen Lebensmittelhandel.

Für den Ausbau des Bio-Anbaus braucht es starke Partner:innen, dies ist und bleibt eine Mammut-Aufgabe: Das 30%-Bio-Flächenziel der Bundesregierung ist ambitioniert und es braucht daher Unterstützung, um nachhaltige Ernährungsweisen weiter zu verankern. Es braucht Aufklärung. Es braucht Diskurs. So muss auch klar gesagt werden, dass die Hektarerträge beim ökologischen Anbau geringer sind, dass beispielsweise der Kraftstoffverbrauch höher ist, weil öfter auf die Anbauflächen gefahren werden muss, um unter anderem mit mechanischen Werkzeugen das Beikraut zu bekämpfen. Dadurch kann der Pestizideinsatz stark reduziert oder bestenfalls vermieden werden – somit ist und bleibt die ökologische Landwirtschaft aus meiner Sicht die nachhaltigste Bewirtschaftungsweise von Böden.

Als überzeugter Bio-Fan würde ich mir natürlich wünschen, dass mehr Menschen regelmäßig zu Bio-Produkten greifen, gerade wegen des positiven Mehrwerts für die Umwelt und das Klima. Dafür arbeiten mein Team und ich, sind immer auf der Suche nach neuen Trends und interessanten Partner:innen in der Industrie. Es tut sich bereits einiges, aber noch nicht schnell genug. Deshalb braucht es eine faire gesellschaftspolitische Diskussion, ohne Scheindebatten, ohne andere Anbauweisen schlecht zu reden. Das würde uns weiterbringen, da bin ich mir sicher.

Ihr Matthias Sinn

Porträt von Matthias Sinn
Über:
Matthias Sinn
Head of Omnichannel Category Development bei REWE

beschäftigt sich als Head of Omnichannel Category Development bei REWE mit Bio-Trends und ist seit 2016 im Unternehmen tätig.