Politik

29. November 2023

„Die Veränderungsgeschwindigkeit nimmt rasant zu“

Christoph Eltze ist als Chief Digital and Technology Officer (CDTO) im Vorstand der REWE Group für technische Innovationen im Unternehmen verantwortlich. Warum er sich in Sachen Digitalisierung oft mehr politischen Mut wünscht und was hinter dem KI-Manifest der REWE Group steckt, erzählt er in der aktuellen Stimme des Monats.
Lesezeit: 7 Min.

Liebe Leser:innen,

überall liest und hört man derzeit, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland zunehmend unattraktiver wird und Unternehmen deshalb über Abwanderung und Verlagerung nachdenken. Als genossenschaftliches Handels- und Touristikunternehmen ist die REWE Group tief in den Städten und Gemeinden Deutschlands verwurzelt. Unser Business ist hier zuhause, und wir werden auch zukünftig die Nahversorgung von Millionen Bürger:innen hierzulande sicherstellen. Doch muss ich leider bestätigen: Die Rahmenbedingungen etwa für technologisierte Innovationen sind außerhalb Deutschlands deutlich zukunftsweisender. Dort haben die politisch Verantwortlichen oftmals mehr Mut, Neuerungen zu testen, Innovationen grundsätzlich zuzulassen und entsprechende Prozesse aktiv durch niedrigere bürokratische Hürden zu beschleunigen. Und das macht Innovationen für Bürger:innen erlebbar: Durch San Francisco fahren bereits autonom fahrende Taxen. In Asien sind kassenlose Supermärkte bereits weit verbreitet.

Doch so weit müssen wir gar nicht schauen. Kürzlich war ich mit meinen Kolleg:innen in Litauen, wo für unsere Vertriebslinie iki seit Juli dieses Jahres kompakte, autonome, fahrerlose Lieferfahrzeuge durch die Straßen der Hauptstadt Vilnius fahren und Bestellungen direkt an unsere Kund:innen nach Hause ausliefern. Eine Innovationsfreude wie seitens der vor Ort zuständigen Behörden, die etwa in flexiblen und schnellen Genehmigungen zu erkennen war, ist hierzulande leider nicht gleichermaßen spürbar, eine derartige Umsetzung nicht denkbar. Und dies ist leider nicht die erste verpasste Chance, von der wir berichten könnten.

Aber wir stecken den Kopf nicht in den Sand: Wir entwickeln die Art und Weise, wie wir IT betreiben, kontinuierlich und mit Begeisterung weiter. An einigen Beispielen möchte ich Ihnen die Bandbreite der Innovationen und unseren Ansatz verdeutlichen:

In unseren derzeit vier REWE Pick&Go-Märkten in Berlin, Köln und München ist Einkaufen ohne Kassenvorgang möglich. Mit modernster Kamera- und Sensortechnik werden die Einkäufe sicher und datensparsam erfasst und beim Verlassen des Marktes automatisch abgerechnet. Wichtig ist mir zu sagen, dass Selbstscanner-Kassen oder auch die REWE Pick&Go-Märkte nicht zu Personalabbau führen. Aber in Zeiten des Fach- und Arbeitskräftemangels können wir unsere Kolleg:innen an anderen Stellen in den Märkten besser für unsere Kund:innen einsetzen.

Im hessischen Michelstadt können sich Verbraucher:innen seit Oktober Lebensmittel aus einem REWE-Markt via „Wingcopter“-Drohne nach Hause bestellen. Gemeinsam mit unseren Partnern bringen wir technologische Innovationen so auch in den ländlichen Raum.

Moderne Technik unterstützt aber auch bei klassischen Prozessen in den Märkten: Wir nutzen Technologie zum Beispiel bei Programmen, die für jeden Standort das optimale Sortiment vorschlagen. Diese Bausteine können wir dann standortindividuell verplanen. An zahlreichen weiteren Einsatzmöglichkeiten arbeiten wir mit Hochdruck.

Für den Handel und die REWE Group ist Künstliche Intelligenz (KI) längst nicht neu. Wir haben uns sehr früh mit den Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz auseinandergesetzt. Als eines der ersten Unternehmen im Handel haben wir vor drei Jahren ein KI-Manifest veröffentlicht, das konkrete Handlungsempfehlungen für unsere Developer:innen bei der Entwicklung und Nutzung entsprechender Anwendungen liefert – und dabei ausdrücklich auch den ethischen Aspekt berücksichtigt.

Insgesamt ist Flexibilität bei IT-Projekten besonders erfolgskritisch – ob beim Einsatz interner und externer Expert:innen, ob bei der Zusammenarbeit über Standorte oder Landesgrenzen hinweg. Doch auch dieser Einsatz von dringend benötigten externen Digitalisierungsexpert:innen in agilen Projekten wird in Deutschland massiv erschwert, dabei sind wir auf deren Innovations-Knowhow angewiesen. Dies bremst Projekte hierzulande aus oder führt sogar zu deren Verlagerung ins Ausland. Deshalb haben wir gemeinsam mit zahlreichen anderen Wirtschaftsunternehmen einen entsprechenden Appell an Bundesarbeitsminister Heil gerichtet, denn solche Herausforderungen erfordern gemeinsame Anstrengungen.

Lassen Sie mich klarstellen: Es geht uns nicht um einen Blankoscheck im Umgang mit innovativen Technologien, mit Daten oder Künstlicher Intelligenz. Wir nehmen unsere unternehmerische Verantwortung auch beim Einsatz neuer Technologien ernst.

Christoph Eltze, Mitglied des Vorstands – Digital und Technologie (Chief Digital and Technology Officer)
Porträt von Christoph Eltze
Christoph Eltze, Mitglied des Vorstands – Digital und Technologie (Chief Digital and Technology Officer)

Neben digitalen Prozessen und hier und da eventuell auch staatlicher Förderung müssen die Behörden dringend fachlich und personell für das Zeitalter der Digitalisierung und Technologisierung fit gemacht werden. Wir wünschen uns mehr fachkundiges Personal, das neue Technologien auf Augenhöhe bewerten und kompetenter Ansprechpartner für Unternehmen sein kann – auch bereits im Vorfeld von Technologieimplementierungen. Auch sollten IT-Regulierungen von der Politik immer wieder hinterfragt werden, der Entwicklungszyklus erfordert dies aus meiner Sicht. Das Bundesdatenschutzgesetz in Deutschland ist über 30 Jahre alt, die Verabschiedung der Datenschutzgrundverordnung war ein jahrelanger Prozess und liegt auch schon wieder eine Weile zurück. Innovationen entstehen dagegen teilweise binnen Monaten oder gar Tagen. Die Veränderungsgeschwindigkeit nimmt rasant zu. Da passt ein mehrere Jahre alter Rechtsrahmen oft nur sehr bedingt auf die aktuelle Situation – und wird dennoch weiter so angewendet. Hier könnte ein sinnvoller Beitrag zur viel beschworenen Entbürokratisierung geleistet werden.

Lassen Sie mich klarstellen: Es geht uns nicht um einen Blankoscheck im Umgang mit innovativen Technologien, mit Daten oder Künstlicher Intelligenz. Wir nehmen unsere unternehmerische Verantwortung auch beim Einsatz neuer Technologien ernst. Wir verrennen uns nicht blind in Innovationen, sondern binden Technologie organisch in allen Unternehmensbereichen ein. Aber als Wirtschaftsstandort Deutschland, als Europäische Union dürfen wir auch nicht auf der Stelle stehen bleiben und zuschauen, wie in anderen Ländern technische Innovationen in die Praxis umgesetzt werden! Es braucht Rahmenbedingungen und Regulierungen, die Verbraucher:innen, Unternehmen und ihre Daten schützen und Risiken im Umgang mit KI klar benennen, aber gleichzeitig ausreichend Raum für Innovationen lassen. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass der praxisnahe und lösungsorientierte Dialog von Wirtschaft und Politik enorm wichtig ist, um sich über Bedarfe und Sorgen, Herausforderungen und Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen.

Wir bleiben aus vollem Herzen Händler, mit tausenden Märkten in Stadt und Land, und Mitarbeitenden, die sich jeden Tag aufs Neue auf ihre Kund:innen freuen! Aber die Technologisierung unseres Geschäfts verschafft uns Freiräume, um unsere Kund:innen noch ausgiebiger beraten zu können und uns unseren Sortimenten zu widmen. Denn eins ist klar: Bei allen technologischen Entwicklungen steht für uns der Mensch im Mittelpunkt. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle von technologischen Neuheiten profitieren können – wenn wir sie verantwortungsvoll, aber auch kreativ einsetzen. Wichtig ist der Dialog – hierzu bringen wir unsere Expertise und Erfahrungen gerne ein.

Ihr Christoph Eltze

Porträt von Christoph Eltze
Über:
Christoph Eltze
Mitglied des Vorstands – Digital und Technologie (Chief Digital and Technology Officer)