Nachhaltigkeit

25. Januar 2022

Obst und Gemüse bei der REWE Group: „Nach­haltige Liefer­kreis­läufe mit Produ­zenten aufbauen“

Eugenio Guidoccio und Markus Bobenhausen vom Bereich Ware Ultrafrische 1 der REWE Group berichten Im Interview, wie die aktuelle Lage auf dem Obst- und Gemüsemarkt ist.
Lesezeit: 7 Min.

Steigende Preise, Lieferengpässe – düstere Nachrichten über die Weltmärkte beherrschen, von Corona abgesehen, die Schlagzeilen. Eugenio Guidoccio und Markus Bobenhausen vom Bereich Ware Ultrafrische 1 der REWE Group berichten Im Interview, wie die Lage auf dem Obst- und Gemüsemarkt ist.

Herr Guidoccio, Herr Bobenhausen in vielen Branchen ist von Lieferengpässen und steigenden Preisen die Rede. Wie ist die aktuelle Lage auf dem Obst- und Gemüsemarkt?

Markus Bobenhausen: Die allgemeine Versorgungslage ist sichergestellt und die Warenverfügbarkeit normal. Mit Blick auf die Preise jedoch ist die Lage etwas angespannt. Die steigenden Ölpreise haben Auswirkungen auf die Frachtkosten, sowohl bei der Seefracht als auch bei den Lkw-Speditionen.

Porträt von Markus Bobenhausen
Über:
Markus Bobenhausen

ist Bereichsleiter Ware Ultrafrische 1 Obst und Gemüse bei der REWE Group

Welche sind Ihrer Einschätzung nach die wichtigsten Einflussfaktoren, wenn es um Obst und Gemüse mit Blick auf Preise und Verfügbarkeit geht?

Eugenio Guidoccio: Über die aktuellen Herausforderungen hinaus sind natürlich der Klimawandel und politische Themen wie der CO2-Ausstoß im Fokus. Hinzu kommen die steigenden gesetzlichen Anforderungen mit Blick auf die Lieferketten und deren Transparenz. Das sind langfristige Anforderungen, denen wir begegnen müssen.

Extreme Wetterlagen häufen sich nicht mehr nur in Übersee, sondern global, in Europa und sogar vor unserer eigenen Haustüre.

Eugenio Guidoccio
Porträt von Eugenio Guidoccio
Eugenio Guidoccio

Wie macht sich das in der Praxis bemerkbar?

Eugenio Guidoccio: Extreme Wetterlagen häufen sich nicht mehr nur in Übersee, sondern global, in Europa und sogar vor unserer eigenen Haustüre. Ein Beispiel ist ein nie dagewesener Wintereinbruch im Mittelmeerraum im vergangenen Winter. Die Folgen waren Versorgungsengpässe bei sensiblen Kulturen wie dem Beerenobst und Fruchtgemüse. Ein anderes Beispiel sind in diesem Jahr die Folgen der starken Niederschläge in der Wachstumsphase bei Kartoffeln. Die hohen Niederschläge haben Auswirkungen auf die Qualität und Lagerfähigkeit der Knollen. Sie werden in diesem Jahr aller Voraussicht nach nicht so haltbar sein, wie es normalerweise der Fall ist. Zudem erwarten wir ein früheres Saisonende in Deutschland.

Porträt von Eugenio Guidoccio
Über:
Eugenio Guidoccio

ist Geschäftsleiter der Abteilung Ware Ultrafrische 1 – Obst und Gemüse bei der REWE Group.

Wie steuern Sie im Einkauf dagegen?

Markus Bobenhausen: Bei den Kartoffeln haben wir den Vorteil, dass wir uns noch rechtzeitig vorbereiten und uns Ernten in anderen Ländern sichern, beziehungsweise Einfluss auf den dortigen Anbau – zum Beispiel in Spanien – nehmen können, um unseren Bedarf zu decken.

Die Klimaveränderungen haben aber auch direkten Einfluss auf die Auswahl unserer Herkunftsländer. Die klimatischen Bedingungen verschieben sich. Wenn wir früher zum Beispiel in Spanien relativ stabile Temperaturen in der Wintersaison für den Beerenanbau hatten, sehen wir diese jetzt weiter südlich, unter anderem in Marokko. Dann müssen wir, um die Warenverfügbarkeit zu sichern, unsere Liefergebiete entsprechend ergänzen.

Unterschiedliche Gemüsesorten auf mehren Holzkisten an einem Marktstand

Wie gut es um die Warenverfügbarkeit bei Obst und Gemüse steht hängt unter anderem davon ab, wie lang der Anbauzyklus ist, so Markus Bobenhausen.

Was uns nochmal zum Thema Lieferketten und Warenverfügbarkeit bringt. Wie genau sichert sich die REWE Group hier ab?

Markus Bobenhausen: Das hängt von vielen Faktoren ab. Wenn es sich um lagerfähiges Obst oder Gemüse handelt, wie Äpfel oder Kartoffeln, können wir anders agieren als bei einem sensiblen Produkt, wie Himbeeren. Es hängt auch davon ab, ob es sich um kurze Anbauzyklen handelt, auf die wir noch je nach Anbauland Einfluss nehmen können, wie beim Beispiel der Kartoffel. Reden wir über Steinobst, bei dem man nicht mal eben einen Baum pflanzen und direkt ernten kann, müssen wir schnell auf alternative Produzenten zurückgreifen können. Je nach Produkt, müssen wir eben anders reagieren.

Eugenio Guidoccio: Grundsätzlich verfolgen wir immer das Ziel, nachhaltige Lieferkreisläufe mit Lieferanten aufzubauen und sie stärker über Partnerschaften an uns zu binden. Wir verfolgen zwar beim Anbau keine Vertikalisierungsstrategie, aber in der Beschaffung. Und wir haben Vorteile dank der Kompetenz in der Europgroup und bei Campiña Verde. Außerdem verfügen wir mit unseren Kopflagern der REWE Group Fruchtlogistik über leistungsfähige Plattformen und können den Warenfluss damit effizient steuern.

Markus Bobenhausen: Wie eben schon kurz angerissen, gilt es bei den Hauptanbaugebieten auf eine Diversifizierungsstrategie zu setzen. Wir hatten beispielsweise in diesem Frühjahr bei Steinobst durch Frost während der Blüte in Frankreich Ernteausfälle. Da wir bei den Beschaffungsstrukturen flexibel aufgestellt sind, konnten wir dies durch Zukäufe in Griechenland, Spanien und Italien ausgleichen.

Wir sind bestrebt, Lieferwege kurz zu halten. So können wir sowohl CO2 als auch Transportkosten sparen.

Eugenio Guidoccio
Porträt von Eugenio Guidoccio
Eugenio Guidoccio

Wäre es bei einigen Obst- und Gemüsesorten eine Alternative diese lokal oder regional anzubauen?

Eugenio Guidoccio: Lokaler Anbau und Regionalität sind aus Kundensicht absolut im Trend. Insofern ist dies für uns ein Thema, denn auch wir sind bestrebt, Lieferwege kurz zu halten. So können wir sowohl CO2 als auch Transportkosten einsparen.

Markus Bobenhausen: Mit Blick auf Warenverfügbarkeit gibt es hier sicher spannende Ansätze. Die Technik entwickelt sich weiter und die REWE Group hat ja bereits mit Partnern einige Projekte in einer interessanten Größenordnung, wie Gewächshäuser, in denen Paprika oder auch Tomaten lokal und nachhaltig mit Einsatz von Geothermie, Biogasanlagen und anderen alternativen Energiequellen angebaut werden. Letzteres ist auch deshalb wichtig, weil wir hier wieder den Einfluss der steigenden Energiepreise spüren.

 

 

Die REWE Group hat mit Partnern einige Projekte, wie Gewächshäuser, in denen Paprika oder auch Tomaten lokal und nachhaltig mit Einsatz von Geothermie, Biogasanlagen und anderen alternativen Energiequellen angebaut werden.

Markus Bobenhausen
Porträt von Markus Bobenhausen
Markus Bobenhausen

Damit wären wir wieder beim Anfang und den Einflussfaktoren auf den Obst- und Gemüsemarkt. Die Komplexität auf den Weltmärkten treibt bisweilen interessante Blüten, wenn man bedenkt, dass sich teurere Gaspreise inzwischen auf die Obst- und Gemüsepreise auswirken, weil Erdgas sowohl für Gewächshäuser aber auch für die Düngerherstellung benötigt wird. Wie viel schwieriger ist es heute, den Überblick zu behalten?

Markus Bobenhausen: Tatsächlich ist es heute einfacher, weil wir die Planungsprozesse intensiver gestalten. Wir haben eine höhere Verbindlichkeit über direkten Kontakt zu Produzierenden und mehr Möglichkeiten, Verfügbarkeit abzusichern. Insgesamt sind wir heute professioneller aufgestellt und betreiben eine Erzeugerauswahl auf hohem Niveau. Neben der Beschaffungskompetenz durch Eurogroup und Campiña Verde haben wir auch unsere logistischen Fähigkeiten unter anderem durch die Kopfläger der REWE Group-Fruchtlogistik weiterentwickelt.