Nachhaltigkeit

11. Mai 2021

Nachhaltig – auch bei der Finanzierung

Erstmals hat sich die REWE Group für eine Kreditlinie mit Fokus auf Nachhaltigkeit entschieden. Klaus Wirbel, Leiter Finanzen bei der REWE Group, und Melanie Asghar, Head of Creditor Relations, erläutern die Gründe.

Wenn es um Produkte und Services geht, steht Nachhaltigkeit schon lange ganz oben auf der Agenda der REWE Group. Jetzt haben wir unser Engagement auf den Finanzbereich ausgeweitet und als eines der ersten Unternehmen der Branche eine Kreditlinie mit dem Fokus auf ökologische und soziale Kriterien vereinbart. Was es damit auf sich hat.

Nicht nur Produkte und Services, sondern auch Finanzierungen können zu einer klimaneutralen und sozial gerechten Welt beitragen. Diese Idee des „Sustainable Finance“ setzt sich zunehmend durch. Immer mehr Investor:innen orientieren sich bei ihren Anlageentscheidungen nicht allein an der Rendite, sondern fragen auch nach der Wirkung, die ihr Investment auslöst. Zugleich unterstützt die Politik die Finanzwirtschaft darin, diejenigen Aktivitäten zu finanzieren, die für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen notwendig sind.

„Sustainable Finance leistet einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“, betont der Sustainable Beirat der Bundesregierung. Das Gremium aus Vertreter:innen der Finanz- und Realwirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft berät die Politik und entwickelt Vorschläge, wie Indikatoren aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance stärker Einzug erhalten in die Chance- und Risikobewertung von Investoren. Die REWE Group ist in diesem Expert:innenrat mit Klaus Wirbel, Leiter Finanzen bei der REWE Group, vertreten.

Noch gibt es erst wenige gesetzlich verbindliche Regelungen. Ob „Green“, „Social“, „Sustainable“, „ESG- (Environmental Social Governance-) konform“ oder „impact“ – schon die sprachliche Abgrenzung zwischen den Strömungen fällt nicht immer leicht. Die EU hat mit ihrer „Taxonomie-Verordnung“ im Sommer 2020 erstmals wichtige Begrifflichkeiten definiert. Das schafft Transparenz und verhindert, dass Finanzmarktakteure ihr Handeln trotz schlechter Umweltleistungen als „grün“ oder „nachhaltig“ bewerben, also Greenwashing betreiben.

Verschiedene Möglichkeiten, „grün“ zu investieren

Die populärsten Instrumente im Bereich nachhaltiger Finanzierungen sind Green Bonds und ESG-linked Loans. Green Bonds sind Anleihen, deren Erlöse ausschließlich für nachhaltige Projekte eingesetzt werden dürfen. Entsprechend müssen die Emittenten ihre Geldgeber informieren, wie sie die Mittel eingesetzt haben. In den meisten Fällen prüft eine spezialisierte Nachhaltigkeitsagentur, ob die Unternehmen bei der Ausgabe der Bonds vorgeschriebene Marktstandards eingehalten haben.

Green Bonds werden häufig von Unternehmen aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien genutzt, um konkrete nachhaltige Projekte zu finanzieren, zum Beispiel Windparks. Bei ESG-linked Loans ist der Verwendungszweck der Mittel dagegen nicht festgelegt. Das Geld kann für allgemeine Unternehmenszwecke verwendet werden. Die Konditionen des Kredits sind jedoch an das Erreichen bestimmter Nachhaltigkeitsziele gekoppelt. Werden diese Marken übertroffen, sinken die Finanzierungskosten; werden die Ziele verfehlt, steigen die Kosten. Welche Nachhaltigkeitsziele relevant sind, entscheiden die Unternehmen gemeinsam mit den Banken. Denkbar ist zum Beispiel der jeweilige CO2-Ausstoß oder der Anteil recycelten Abfalls. Anstatt solche Leistungskennzahlen festzuschreiben, können Unternehmen sich auch von einer Nachhaltigkeitsagentur raten lassen (ESG-Rating).

Erste Kreditlinie mit Fokus auf Nachhaltigkeit

Die REWE Group hat im Frühjahr 2021 erstmalig eine Kreditlinie mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit vereinbart. Sie dient der Refinanzierung der syndizierten Kreditlinie in Höhe von einer Milliarde Euro aus dem Jahr 2020. Konkret vereinbart wurde eine Linie im Volumen von 750 Millionen Euro mit einer Laufzeit von 18 Monaten, die sich am ESG-Rating der Ratingagentur ISS orientiert. ISS, ein Tochterunternehmen der Deutschen Börse AG, bewertet die REWE Group mit „C+“. Das entspricht dem Level „Prime“. „Nachhaltige Produkte und Services sind ein zentraler Pfeiler der REWE-Nachhaltigkeitsstrategie und das Unternehmen erkennt seine Verantwortung an, nachhaltigen Konsum zu fördern“, heißt es im Report von ISS.

„Wir sind im doppelten Sinn stolz. Zum einen knüpfen wir erstmals eine Kreditlinie an Nachhaltigkeitsfaktoren wie Arbeitsstandards und Arbeitsbedingungen, Minimalisierungsstrategie der Umweltfolgen und den Lebenszyklus der Produkte, Klimaschutz, ökologisch und sozial vorteilhafte Produkte und Transparenz in der Kundeninformation. Zum anderen haben wir auf Anhieb einen Prime-Status im ESG-Rating erzielt und gehören zu den besten Unternehmen unserer Branche. Dieser Erfolg bestätigt uns in unserem jahrzehntelangen Engagement für mehr Nachhaltigkeit“, sagt Christian Mielsch, Finanzvorstand der REWE Group.

„Nachhaltige Finanzierung ist ein Trend. Wir sind von Anfang an dabei“

Klaus Wirbel, Leiter Finanzen bei der REWE Group, und Melanie Asghar, Head of Creditor Relations, erläutern, warum sich die REWE Group erstmals für eine Kreditlinie mit Fokus auf Nachhaltigkeit entschieden hat.

(v.r.) Melanie Asghar und Klaus Wirbel

(v.r.) Melanie Asghar, Head of Creditor Relations und Klaus Wirbel, Leiter Finanzen bei der REWE Group.

Als eines der ersten Unternehmen im Handel zeigt die REWE Group auch in der Finanzierung beim Thema Nachhaltigkeit Flagge. Wie kam es dazu?

Klaus Wirbel: Der Abschluss der Kreditlinie ist die konsequente Fortsetzung unserer Nachhaltigkeitsstrategie. Bisher lag dabei der Fokus auf unseren Sortimenten. Nun erweitern wir den Blickwinkel und berücksichtigen auch bei unserer Finanzierung ökologische und soziale Kriterien. Green Finance ist ein Thema, das in den nächsten Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen wird. Und wir bei der REWE Group sind ganz früh dabei.

Wieso sind Banken und Investor:innen immer öfter nicht mehr nur an einer guten Rendite interessiert, sondern möchten auch wissen, welche ökologischen und sozialen Folgen ein Engagement hat?

Klaus Wirbel: Es sind vor allem zwei Entwicklungen, die sich gegenseitig noch verstärken: Zum einen sorgen der Klimawandel und das Wissen um die bedrohte Natur für einen Bewusstseinswandel. Zum anderen schafft die Politik beim Thema nachhaltige Investments zunehmend strengere Regeln. Denn Finanzierungen sind ein bedeutender Hebel zur Förderung nachhaltiger Ideen. Das wird vielen Akteuren immer mehr klar. Als Mitglied des Sustainable Beirats der Bundesregierung habe ich daran mitgearbeitet, Vorschläge für gesetzliche Leitlinien zu entwickeln. Für uns als REWE Group lag es nahe, im Bereich Green Finance aktiv zu werden, weil wir beim Thema Nachhaltigkeit ohnehin sehr aktiv sind.

Melanie Asghar: Wir haben schnell festgestellt, dass wir damit bei den Banken offene Türen vorfinden. Alle Institute, mit denen wir im Kreditgeschäft regelmäßig zusammenarbeiten, waren interessiert, auch bei diesem Thema mit uns zu kooperieren. Die ersten, die angeklopft haben, waren übrigens unsere internationalen Banken. Viele von ihnen haben sich konkrete Ziele für mehr Nachhaltigkeit in ihren Kreditportfolios gesetzt. Beim Blick auf unsere Nachhaltigkeitsaktivitäten haben sie gleich gesehen, dass wir auf diesem Feld eine Menge anzubieten haben.

Die Finanzwirtschaft belohnt nachhaltiges Verhalten in Form besserer Konditionen. War das auch ein Argument?

Klaus Wirbel: Nein, gemessen an den Kreditkonditionen bringt uns die Ausrichtung auf Nachhaltigkeit in diesem Fall keinen nennenswerten Vorteil. Im Gegenteil: Das ganze Procedere, inklusive Rating, bedeutete für uns zunächst nur einen Mehraufwand. Wir haben uns trotzdem dazu entschlossen, weil wir davon überzeugt sind, das Richtige zu tun. Das Thema wird immer wichtiger werden. Wer sich nicht nachhaltig ausrichtet, wird möglicherweise irgendwann Schwierigkeiten haben, sich zu refinanzieren. Oder andersherum: Kreditsuchende, die in puncto Nachhaltigkeit viel anzubieten haben, wird es nicht schwerfallen, Finanzierungspartner zu finden.

Im deutschen Lebensmittelhandel ist die REWE Group Vorreiter, wenn es um Green Finance geht. Im europäischen Ausland sind andere bereits weiter.

Melanie Asghar: Ja, Ahold Delhaize in den Niederlanden zum Beispiel hat einen Bond emittiert sowie eine Kreditlinie abgeschlossen, deren   Konditionen an einige sehr konkrete LEH-spezifische Ziele gekoppelt sind – etwa den Umsatzanteil gesunder Eigenmarkenprodukte sowie die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung und C=2-Emmissionen. Werden diese Ziele erreicht, verbilligt das die Finanzierung. Im anderen Fall wird es teurer.

Ein solches Modell kam für die REWE Group nicht in Frage?

Klaus Wirbel: Nein. Solche Vereinbarungen sind nur bei längeren Laufzeiten sinnvoll. In unserem Fall beträgt die Laufzeit lediglich 18 Monate. Zudem handelt es sich nicht um einen gezogenen Kredit, sondern lediglich um eine Backup-Kreditlinie. Da bietet sich ein ESG- Rating an, so wie wir es vorgenommen haben.

Wie geht es beim Thema Green Finance bei der REWE Group weiter? Wird es in naher Zukunft einen Green Bond geben?

Klaus Wirbel: Die Kreditlinie mit Fokus auf Nachhaltigkeit war ein erster Schritt, der in eine längerfristige Strategie eingebettet ist. Die REWE Group expandiert und wird immer Finanzierungsbedarf haben. Und in diesem Fall werden wir den Weg in eine nachhaltige Finanzierung konsequent weitergehen; vielleicht auch mit der Emission einer nachhaltigen Anleihe.

Porträt von Klaus Wirbel
Über:
Dr. Klaus Wirbel
Leiter Finanzen und Group Treasury bei der Rewe Group
Porträt von Melanie Asghar
Über:
Melanie Asghar
Head of Creditor Relations

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