Nachhaltigkeit

24. Mai 2022

Louisa Dellert im Interview: „Supermärkte haben auch einen Bildungsauftrag“

Unternehmen, Konsument:innen, Politik – wer ist am Hebel, wenn es darum geht, nachhaltigen Konsum voranzutreiben? Ein Gespräch mit Unternehmerin und Autorin Louisa Dellert über Supermärkte als Bildungsstätte, Privilegien und Verantwortung.

Unternehmerin, Moderatorin, Autorin – das alles ist Louisa Dellert. Vor neun Jahren startete die Berlinerin in den sozialen Medien und ist heute eine der bekanntesten Nachhaltigkeits-Influencerinnen. Im Interview erklärt sie, wie Händler nachhaltigen Konsum für Kund:innen erleichtern könnten, warum sie sich für den Dialog zwischen Unternehmen und Konsument:innen stark macht – und was für sie selbst den Anstoß zu einem nachhaltigeren Lebensstil gegeben hat.

Louisa, bekannt geworden bist du vor vielen Jahren als Fitness-Influencerin. Heute setzt du dich unter anderem für mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz ein. Was hat den Anstoß dazu gegeben?

Das war vor einigen Jahren im Urlaub auf Malta. Ich wollte ein Unterwasserbild für Instagram machen. Überall ringsherum schwamm Müll, weiße Plastiktüten, Strohhalme und Plastikdeckel. Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass dieser Müll im Bild ist. In dem Moment habe ich mich noch gar nicht gefragt, wie er eigentlich ins Meer gekommen ist und habe ihn auch nicht weggeräumt. Erst als ich mir die Bilder im Hotel nochmal angesehen habe, kam mir der Gedanke: Wenn im Gartenteich meines Vaters eine Tüte rumschwimmen würde, hätte ich die rausgeholt. Warum jetzt nicht? Weil es das offene Meer ist und ich das Gefühl habe, es gehört mir nicht? Dieses Erlebnis war für mich der Auslöser, durch den mir klar wurde: Ich möchte nachhaltiger leben. Und die Entwicklung von Fridays for Future und alles, was folgte, hat mich darin nochmal bestärkt.

Porträt von Louisa Dellert
Über:
Louisa Dellert

ist Influencerin, Unternehmerin, Moderatorin und Autorin.

Heute bist du viele Schritte weiter und berätst unter anderem Unternehmen. Auf dem REWE Group-Dialogforum im April hast du gemeinsam mit Kundinnen bzw. Followerinnen von dir Wünsche für konkrete Nachhaltigkeits-Maßnahmen für REWE und PENNY erarbeitet und diese der Geschäftsführung präsentiert. Wie hast du den Austausch erlebt?

Es war total interessant zu sehen, welche Wünsche und Forderungen von den Teilnehmerinnen geäußert wurden. Und ich fand es schön zu sehen, wie offen alle Beteiligten für die jeweils anderen Perspektiven waren. Gleichzeitig gab es den AHA-Moment, dass viele Teilnehmerinnen noch nicht wussten, was die REWE Group in Sachen Nachhaltigkeit alles macht. Vielleicht muss man da noch stärker überlegen, auf welchen alternativen Wegen man diese eher nachhaltigkeitsaffine Zielgruppe noch erreichen kann.

Die auf dem Dialogforum entwickelten Ideen und Maßnahmen reichen von der Reduktion von Foodwaste bis zur fairen Lieferkette. Welche sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Ich finde den Ansatz, noch mehr mit Start-ups oder kleinen Unternehmen zusammenzuarbeiten, gut und wichtig. Zum Beispiel beim Thema Lebensmittelverschwendung, das war vielen ein Herzensanliegen und da gab es einige Ideen, das Thema nochmal aus einer alternativen Richtung anzugehen.
Super fand ich auch die Idee für ein Jutebeutel-Pfandsystem. Davon habe ich mich direkt angesprochen gefühlt, denn mir geht es auch manchmal so, dass ich beim Einkauf merke: Mist, ich habe meinen Jutebeutel vergessen, habe aber schon gefühlt Dutzende zuhause und möchte eigentlich keinen neuen und auch keine Papiertüte kaufen.
Und gut finde ich persönlich auch den Ansatz, mit der Produkt-Platzierung zu arbeiten: Fairere, transparenter hergestellte Produkte sollten eine bessere Platzierung im Regal erhalten, damit Kund:innen mit diesen eher in Kontakt kommen. Das bringt ja vielleicht auch Anreize für Hersteller mit sich, die bisher noch nicht so nachhaltig produzieren, wenn die wissen: Dann lande ich eben ganz unten im Regal, wenn ich gar nicht nachhaltig unterwegs bin.

Was bringt so ein Austausch zwischen Unternehmen und Kund:innen aus deiner Sicht?

Ein Austausch ist für Unternehmen superwichtig, weil man irgendwann einfach betriebsblind wird. Das meine ich gar nicht negativ, aber es ist ja so, dass man in seinen eigenen Strukturen denkt und da immer mal Impulse von außen zu bekommen und herausgefordert zu werden, finde ich sehr hilfreich. Ich sage immer: Wir müssen miteinander reden und nicht übereinander. Wenn eure Kund:innen beispielsweise verstehen, warum ihr nicht von heute auf morgen ein Produkt auslisten oder eine Verpackung ändern könnt, kann man über diese Themen nochmal ganz anders diskutieren und andere Lösungsansätze finden. Wichtig finde ich dabei, dass alle Beteiligten das Gefühl haben, dass ihre Meinung wirklich ernstgenommen wird und dass man an den Themen auch dranbleibt.

In Umfragen gibt oft eine Mehrheit der Befragten an, nachhaltiger konsumieren zu wollen. Im Supermarkt greifen viele dann aber doch wieder zur konventionellen Paprika oder der Wurst aus Massentierhaltung. Was können Supermärkte und Discounter aus deiner Sicht tun, um nachhaltigen Konsum leichter zu machen?

Ich finde, dass Supermärkte auch einen Bildungsauftrag haben. Denn mit meinem Supermarkt komme ich im Alltag ständig in Kontakt, dort kaufe ich, was ich zum täglichen Leben brauche. Gleichzeitig leben wir alle in unterschiedlichen Lebensrealitäten und haben schon genug mit unserem Alltag zu tun. Da kann es nicht sein, dass ich im Supermarkt jedes Produkt zehn Minuten begutachten und das Kleingedruckte studieren muss, nur um zu entscheiden: Ist es das Richtige, was ich hier gerade kaufe? Oder muss ich dabei ein schlechtes Gewissen habe? Da könnten Supermärkte noch mehr daran arbeiten, um Kund:innen eine bessere Kaufentscheidung zu ermöglichen. Außerdem finde ich, nachhaltiges Einkaufen müsste in der Praxis noch leichter sein und dürfte den Menschen nicht so viel Organisation abverlangen.

Nachhaltiges Einkaufen müsste in der Praxis noch leichter sein und dürfte den Menschen nicht so viel Organisation abverlangen.

Louisa Dellert
Porträt von Louisa Dellert
Louisa Dellert

Wie könnte das konkret aussehen?

Es ist zwar super, wenn man Menschen beim Einkauf die Möglichkeit gibt, etwas für die Umwelt zu tun – zum Beispiel indem man wiederverwendbare Brotbeutel oder Mehrweg-Becher anbietet. Aber viele haben so etwas nicht immer dabei oder gar nicht zuhause und müssen sich das erstmal kaufen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass es genug Haushalte gibt, die am Monatsende jeden Euro umdrehen müssen. Daher wünsche ich mir mehr Systematisierung seitens der Supermärkte und Discounter, zum Beispiel Pfandsysteme: Wenn ich keinen Beutel dabei habe, leihe ich mir einen aus und bringe ihn dann wieder. Nachhaltiges Handeln muss für Kund:innen so leicht wie möglich gemacht werden, damit möglichst viele mitziehen.

Im Handel hört man häufig das umgekehrte Argument: Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Wenn also mehr Menschen nachhaltigere Produkte kaufen, würden diese auch vermehrt angeboten.

Das finde ich total schwierig. Auf der einen Seite macht man es sich damit leicht, auf der anderen Seite sind wir gerade gesellschaftlich in einer Umbruchphase, in der bei immer mehr Menschen ankommt: Wir müssen nachhaltiger konsumieren, weniger Fleisch essen, auf faire Lieferketten achten. Dann ist aber beispielsweise die fair produzierte Schokolade etwas teurer und das kann sich eine vierköpfige Familie, die wirklich aufs Geld gucken muss, nicht ohne Weiteres leisten. Gleichzeitig stehen Unternehmen auch im Preiswettbewerb. Ich habe für das Dilemma keine Lösung. Aber ich finde die Verantwortung liegt auf Konsumentenseite insbesondere bei denen, die privilegierter leben. Ich kann mir – um ehrlich zu sein – die faire Schokolade leisten, oder auch ein veganes Ersatzprodukt, das mehr kostet. Das tut mir nicht weh. Und vielleicht ist das der Anfang, dass privilegiertere Menschen, die vermutlich ohnehin einen größeren CO2-Fußabdruck haben, sich selbst stärker in der Verantwortung sehen. Gleichzeitig müssen noch mehr neue Konzepte und Ideen her, damit klimaneutrale und fair produzierte Produkte nicht das Portemonnaie sprengen und nachhaltigerer Konsum erschwinglich bleibt. Es darf nicht sein, dass ein Kilo Hackfleisch weniger kostet als ein Fleischersatzprodukt.

Ich finde die Verantwortung liegt auf Konsumentenseite insbesondere bei denen, die privilegierter leben.

Louisa Dellert
Porträt von Louisa Dellert
Louisa Dellert

Es müssen sich also beide bewegen – Handel und Verbraucher:innen. Wo siehst du die Rolle der Politik?

Die Politik muss für Mindeststandards sorgen, ganz klar. Unser ganzes kapitalistisches System ist im Grunde nicht förderlich für eine faire Produktion und transparente Lieferketten. Aber wir sind alle Teil des Kapitalismus, das werden wir so schnell nicht ändern. Den Kapitalismus abschaffen – das finde ich eine tolle, aber utopische Vorstellung und solange das nicht passiert, müssen wir Energie und Zeit investieren und gucken, wie wir innerhalb des Systems, das viele Menschen ausbeutet, nachhaltiger arbeiten können. Wir müssen mehr Fairness und Transparenz schaffen, und da ist sicher die Politik gefragt. Aber eben auch Unternehmen müssten sich moralisch noch mehr verpflichten, da ansonsten die kommenden Generationen sehr leiden werden. Unternehmen können hier eine Vorreiterrolle einnehmen.

Du versuchst inzwischen selbst, möglichst nachhaltig zu konsumieren. Ist dir die Umstellung leichtgefallen?

Nein, mich hat der Wunsch, ausschließlich nachhaltig zu konsumieren, anfangs total unter Druck gesetzt. Ich war oft überfordert und frustriert. Nach dem anfangs erwähnten Urlaub habe ich zum Beispiel gesagt: So, ab jetzt will ich keinen Verpackungsmüll mehr produzieren. Bei einer Bloggerin hatte ich gesehen, dass sie es schafft, nur ein Einmachglas Müll pro Jahr zu produzieren. Das war bei mir direkt schon mit der Verpackung vom Toilettenpapier voll!

Wie bist du damit umgegangen?

Ich habe über die Jahre immer wieder gemerkt, dass ich es nicht schaffe, meinen Anspruch im Alltag umzusetzen. Hier mit Stoffbeutel auf den Wochenmarkt, da mit Behältern in den Unverpackt-Laden – es nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, hundertprozentig nachhaltig zu konsumieren. Und diese Zeit zu haben, ist auch wiederum ein Privileg. Und da komme ich wieder auf die Supermärkte zurück: Ihr sitzt am Hebel, nachhaltigen Konsum für viele Menschen zu erleichtern, damit sie das im Alltag auch umsetzen können.

Wie hat sich dein Lebensstil verändert, seitdem du mehr auf Nachhaltigkeit achtest?

Ich denke anders nach und habe ein besseres Verständnis dafür, wie Dinge miteinander verbunden sind. Ich bin achtsamer geworden und hinterfrage dreimal, wenn ich etwas kaufe, ob ich das brauche und wie es produziert wurde.
Gleichzeitig möchte ich nicht auf alles verzichten, zum Beispiel auf Reisen. Ich bin vorher bestimmt viermal im Jahr geflogen. Heute fliege ich immer noch, allein weil ich Freunde und Familie im Ausland habe – aber viel weniger. Damit möchte ich transparent umgehen, weil ich glaube, das ist unser aller Dilemma: Bewusst und verantwortungsvoll zu leben und trotzdem den eigenen Bedürfnissen gerecht werden zu wollen.

Das ist unser aller Dilemma: Bewusst und verantwortungsvoll zu leben und trotzdem den eigenen Bedürfnissen gerecht werden zu wollen.

Louisa Dellert
Porträt von Louisa Dellert
Louisa Dellert

In der digitalen Welt wird man schnell angeprangert, wenn man (noch) nicht hundertprozentig nachhaltig lebt beziehungsweise wirtschaftet – das gilt für Unternehmen, aber auch für öffentliche Personen, wie in deinem Fall. Wie gehst du mir Kritik um?

Der Gegenwird wird immer da sein, und natürlich ist manches an konstruktiver Kritik auch gerechtfertigt. Aber irgendwo muss man ja anfangen. Ich habe dafür keine Lösung. Man kann mir Doppelmoral vorwerfen, oder dass ich letztlich doch nicht nachhaltig lebe. Aber ich denke mir dann: Bevor ich andere be- und verurteile, ist es besser mal einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: Was tue ich denn schon für den Planeten? Wie bringe ich mich denn ein? Denn wir sind alle gefordert, bei uns selbst anzufangen.

Welches nachhaltige Produkt wünscht du dir noch im Regal?

Körnigen Frischkäse in vegan. Den habe ich zumindest noch nicht gefunden, und damit könntet ihr mich sehr glücklich machen.