Politik

7. November 2022

„Europa darf als Innovationsstandort nicht ins Hintertreffen geraten“

Karin Tresp, Leiterin des zentralen Datenschutz Managements der REWE Group, erläutert, warum der Mensch bei jeder unserer digitalen Entwicklungen im Mittelpunkt steht und Europa bei neuen Technologien droht, ins Hintertreffen zu geraten.

Liebe Leser:innen,

Seit 1927 verkaufen wir Lebensmittel in unseren Märkten und stellen die Nahversorgung in der Stadt und auf dem Land sicher. Parallel entwickeln wir die digitale Zukunft des Handels. Bei der REWE Group kombinieren wir genossenschaftliche Traditionen mit Innovationen und Erfahrungen mit neuen Technologien – für unsere Mitarbeiter:innen, Kund:innen und Geschäftspartner. Dabei gehen wir mit Mut und Demut ans Werk, Gleiches wünschen wir uns von der Politik. Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) werden nicht mehr verschwinden. Deshalb gilt es diese zu regulieren, ohne Chancen zu beschneiden, und gleichzeitig Rechtssicherheit zu schaffen.

Die Welt um uns herum entwickelt sich fortlaufend weiter und auch die Einzelhandelsbranche muss – wie jeder andere Sektor – Schritt halten, um den Wünschen und Anforderungen der Kundschaft gerecht zu werden. Deshalb gehen wir bei unseren Innovationen weit über die reine Digitalisierung von internen Abläufen hinaus. Beim digitalen Lebensmitteleinkauf im REWE-Onlineshop spüren Verbraucher:innen den Fortschritt ebenso wie in den REWE Pick&Go Märkten, unter anderem in Köln oder Berlin. Hier kann ohne klassischen Kassiervorgang eingekauft werden.

Für die REWE Group steht in jedem Schritt der digitalen Entwicklung der Mensch im Mittelpunkt – vom Schutz seiner Daten bis zu seinen Erwartungen an den Einkauf.

Karin Tresp
Porträt von Karin Tresp
Karin Tresp

Für die REWE Group steht in jedem Schritt der digitalen Entwicklung der Mensch im Mittelpunkt – vom Schutz seiner Daten bis zu seinen Erwartungen an den Einkauf. Wie ernst wir diese Verantwortung nehmen, zeigt mein Job, den es so in den meisten Unternehmen gar nicht gibt: Als Leiterin des zentralen Datenschutz Managements der REWE Group obliegt mir die konzernweite Regelungshoheit und daher weiß ich um die Priorität und Sensibilität beim Schutz von und kontrolliertem Umgang mit personenbezogenen Daten. Hierfür haben wir ein entsprechendes Datenschutz-Compliance-System mit umfassender Unterstützung für alle Fachbereiche implementiert. Doch in unserem Bereich fällt auch die herausfordernde Aufgabe an, rechtskonforme und datenschutzsensible Wege zu finden, wie wir die großen Potenziale, die sich hier bieten, für unser Unternehmen, unsere Mitarbeiter:innen und unsere Kundschaft heben: etwa für passgenauere Dienstleistungen, optimierte Warenströme, verbesserte Produktinformationen, größeren Einkaufskomfort, Verhinderung von Food Waste oder innovative Angebote.

Fest steht: Die Digitalisierung hält mehr und mehr Einzug in unser aller Leben und jedes Wirtschaftsunternehmen will und muss diesen Weg mitgehen. Doch ist dieser in der EU oftmals steiniger als anderorts. Ja, die geographische Heimat von Unternehmen spielt bei der Entwicklung digitaler Innovationen eine immense Rolle! Wir müssen uns damit auseinandersetzen, warum Technologie-Ideen häufig aus Europa stammen, dann aber in den USA, in China, Indien oder Israel weiterentwickelt werden. Dies ist auch mit der Zurückhaltung, die in der EU herrscht, zu begründen: Anstatt digitale Innovationen zu fordern, zu fördern und zu forcieren, wird der Fokus direkt zu Beginn der Entwicklung auf mögliche Risiken und, zu deren Abwehr, auf Regulierung gelegt. Wenn wir nicht aufpassen, wird Europa zu einem Ort, an dem digitale Innovationen bald stagnieren. Nicht weil europäische Unternehmen dies nicht wollten oder könnten, sondern vielmehr, weil es an den Voraussetzungen fehlt. So muss der derzeit diskutierte Rechtsrahmen zur Künstlichen Intelligenz auf EU-Ebene (AI Act) so ausgestaltet werden, dass die Entwicklung und Nutzung von KI in Europa möglich bleiben. Es muss verhindert werden, dass Europa als Innovationsstandort ins Hintertreffen gerät.

Es muss verhindert werden, dass Europa als Innovationsstandort ins Hintertreffen gerät.

Karin Tresp
Porträt von Karin Tresp
Karin Tresp

Soll die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ihr Potenzial als Level Playing Field im Binnenmarkt und Modell für andere Staaten tatsächlich ausspielen, muss sie einheitlich in allen Mitgliedsstaaten -und unter Umständen deren Untergliederungen wie Bundesländern – durchgesetzt werden. Wenn die EU die europäische Datenwirtschaft vorantreiben will, wie im neuen EU Data Act vorgeschlagen oder auf deutscher Ebene diskutiert, muss bei entsprechenden politischen Vorhaben Rücksicht auf Geschäftsgeheimnisse genommen werden. Außerdem muss sichergestellt werden, dass europäischen Unternehmen ein Technologie- und Wettbewerbsvorsprung möglich bleibt.

Die Beweggründe der Politik, wie etwa der Schutz von Verbraucherrechten sind zunächst einmal zu begrüßen. Eine Problematik entsteht zum Beispiel dann, wenn die Definitionen, mit denen sich die Regulierungen beschäftigen, nicht eindeutig sind. Dies führt zu Unklarheiten, die Unternehmen verunsichern, sodass sie scheuen, Innovationen auf den Markt zu bringen. Entwicklung und Einsatz innovativer Technologien werden so enorm verzögert.

Wenn der Mehrwert von Datenwirtschaft in Deutschland und Europa realisiert werden sollen, müssen alle Beteiligten etwas tun: Politik, ob auf EU-Ebene oder im Bund, muss einen Rahmen im Bereich Datenschutz und Innovation setzen, der klare Regeln definiert und Unternehmen gleichzeitig Freiräume lässt. Unternehmen müssen zeigen, dass sie bereit sind, diese Freiräume verantwortungsvoll zu nutzen. Datenschutz-Aufsichtsbehörden sollten personell und technisch an die Anforderungen des Datenzeitalters angepasst werden, damit sie innovative Projekte in Unternehmen kompetent begleiten können. In diesem Zusammenhang begrüßen wir die Digitalstrategie der Bundesregierung, in der die „Gestaltung einer attraktiven, sicheren und agilen Datenstrategie“ angekündigt wird.

Denn die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen rund um Künstliche Intelligenz hat – wie eingangs aufgezeigt – großes Potenzial für die Kund:innen und Geschäftspartner der REWE Group – im Handel und in der Touristik. Vor diesem Hintergrund haben wir Unternehmen bereits 2020 das „AI Manifesto” veröffentlicht. Es enthält klar verständliche, konkrete Empfehlungen, die bei der Entwicklung von KI-Anwendungen zu berücksichtigen sind – ein Novum!

Ein Beispiel für die verantwortungsvolle Nutzung neuer Technologien ist die Eröffnung des REWE Pick&Go Marktes in Köln im Oktober 2021. Im November 2022 eröffnete ein zweiter Markt in Berlin. Kund:innen können klassisch an der Kasse bezahlen oder digital – ohne Kassenvorgang und damit eventuell verbundenen Wartezeiten. Bei Pick&Go werden mittels Kamera- und Sensortechnologie die Einkäufe sicher und datensparsam erfasst und nach Verlassen des Marktes automatisch abgerechnet. Datenschutz war und ist ein zentraler Aspekt bei der Entwicklung und beim Betrieb des Systems. Es findet weder eine Gesichtserkennung statt, noch kann das System Kund:innen nach einem Besuch im Markt wiedererkennen. All diese Punkte wurden bereits bei der Konzeption des Systems mitbedacht. Auch wurde frühzeitig der Kontakt mit der zuständigen Datenschutzbehörde gesucht – über gesetzliche Anzeigepflichten hinaus.

Unternehmen können also von sich aus vieles tun – und tun dies bereits –, um bei der Einführung neuer Technologien und Dienstleistungen das Vertrauen der Kund:innen zu stärken. Der rechtliche Rahmen muss jedoch klar definiert sein, soll das enorme Potenzial, das in der Entwicklung und Nutzung von innovativen Technologien steckt, auch künftig in Deutschland und Europa gehoben werden. Ich bin mir sicher, wir verfolgen schlussendlich alle das gleiche Ziel: den Standort Europa sicher und attraktiv für digitale Innovationen zu machen – auch um digitale Expert:innen hier zu halten.

Ihre Karin Tresp

Porträt von Karin Tresp
Über:
Karin Tresp

ist Leiterin des zentralen Datenschutz Managements der REWE Group.

Über die REWE Group

Die genossenschaftliche REWE Group ist einer der führenden Handels- und Touristikkonzerne in Deutschland und Europa. Im Jahr 2021 erzielte das Unternehmen einen Gesamtaußenumsatz von 76,5 Milliarden Euro. Die 1927 gegründete REWE Group ist mit ihren rund 380.000 Beschäftigten in 21 europäischen Ländern präsent.

 

Zu den Vertriebslinien zählen Super- und Verbrauchermärkte der Marken REWE, REWE CENTER sowie BILLA, BILLA PLUS und ADEG, der Discounter PENNY, IKI, die Drogeriemärkte BIPA sowie die Baumärkte von toom. Hinzu kommen die Convenience-Märkte REWE To Go und die E-Commerce-Aktivitäten REWE Lieferservice und Zooroyal. Die Lekkerland Gruppe umfasst die Großhandels-Aktivitäten der Unternehmensgruppe im Bereich der Unterwegsversorgung. Zur Touristik gehören unter dem Dach der DER Touristik Group u. a. die Veranstalter DERTOUR, ITS, Meiers Weltreisen, Kuoni, Helvetic Tours, ITS Coop Travel, Billa Reisen, Koning Aap, Exim Tours und Fischer, über 2.300 Reisebüros (u.a. DERTOUR, DERPART, Kuoni, Exim, Fischer sowie Franchise- und Kooperationspartner), die Hotelmarken Sentido, Aldiana, Calimera und Cooee sowie das Online-Reiseportal Prijsvrij Vakanties.