Deutschlands Unternehmen ächzen unter bürokratischen Anforderungen. Zahlreiche Regulierungen erfordern Aufmerksamkeit und müssen erfüllt werden, um gesetzestreu zu handeln. Allein im Gastgewerbe fallen nach einer DIHK-Studie durchschnittlich 14 zusätzliche Stunden pro Woche an, um 100 bis 125 komplexe Vorschriften etwa zur Kassenrichtlinie oder zur Datenschutzgrundverordnung zu erfüllen. Ähnliche Werte ergeben sich für den Einzelhandel: 38 Stunden pro Monat wenden kleine Betriebe mit weniger als 50 Mitarbeiter:innen und weniger als 2 Millionen Euro Umsatz laut IHK-ibi-Studie 2024, für Bürokratie auf.
Auf Bundes- und EU-Ebene hat die Politik einige Entlastungen in Sachen Bürokratie angekündigt. Es bleiben und kommen aber genügend Regelungen, gerade für klein- und mittelständische Betriebe. Auf kommunaler Ebene wurde nun noch dazu eine neue „Lenkungssteuer“ gefunden, die das Ziel hat, Verschmutzung durch Verpackungsmüll in den Innenstädten zu reduzieren und Mehrwegsysteme zu fördern. Vorreiter ist die Stadt Tübingen, die die Steuer seit 2022 erhebt. Die Rechtmäßigkeit wurde Ende 2024 durch das Bundesverfassungsgericht bestätigt. Seitdem haben sich weitere Kommunen für die Einführung entschieden oder diskutieren in den Gemeindegremien darüber. Es drohen hunderte von verschiedenen kommunalen Satzungen mit unterschiedlichen Steuersätzen auf Einwegverpackungen. Der Bürokratieberg wird somit noch höher. Die Steuer bezahlen müssen vor allem Gastronomie und Lebensmittelhandel, aber auch Kantinen, Kinos oder Eventveranstalter sind betroffen. Sie können die Steuer an die Verbraucher:innen weitergeben oder selbst tragen.
Weniger Müll und mehr Mehrweg-Einsatz sind grundsätzlich gute Ziele. Denn abgesehen von der CO2-Belastung durch Verpackungen ist Sauberkeit für viele Besucher:innen von Innenstädten ein wichtiger Teil der Lebensqualität. Kein Besucher geht gerne durch eine vermüllte Einkaufsstraße oder setzt sich in eine Parkanlage, die mit Verpackungsmüll übersät ist. Auch die Vermeidung von Einweg-Verpackungen und die Nutzung von Mehrweg-Alternativen ist zu befürworten – zumindest so lange letztere eine bessere Ökobilanz haben. 50 Cent für einen Einwegbecher oder 20 Cent für einen Trinkhalm werden fällig, um Verbraucher:innen für die Nutzung von mehr Mehrweg-Angeboten zu bewegen. Eine gute, einfache Lösung, oder? Das Gegenteil von „gut“ ist leider oft „gut gemeint“, wie das Beispiel Tübingen bereits zeigt.