Politik

30. August 2022

Meinungs­beitrag – die Stim­me des Mon­ats: „Tier­hal­tungs­kenn­zeich­nung – Ent­scheid­ende Fra­gen blei­ben of­fen“

Ulf Klewitz, Geschäftsleiter Ware Ultrafrische 2 der REWE Group, über die Pläne der Bundesregierung für eine staatliche Tierhaltungskennzeichnung und fehlendes Potenzial für die Transformation der Nutztierhaltung.

Als Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir im Juni die Eckpunkte für eine staatliche Tierhaltungskennzeichnung präsentierte, versprach er nicht weniger, als die deutsche Landwirtschaft „zukunftsfest“ zu machen. Nach Vorschlägen von Amtsvorgänger Christian Schmidt und Amtsvorgängerin Julia Klöckner wird nun also abermals über die Umsetzbarkeit einer staatlichen Haltungsformkennzeichnung debattiert.  Dabei haben die Herausforderungen, die auf die Landwirtschaft einwirken, in den vergangenen Jahren mit Wucht zugenommen. Umso wichtiger ist es, eine marktkonforme Transformation der Nutztierhaltung in Deutschland sicherzustellen.

Doch der aktuelle Gesetzentwurf des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft lässt entscheidende Fragen hierzu offen. Denn für eine „zukunftsfeste“ Landwirtschaft müssen Tierhaltungs- und Herkunftskennzeichnung viel stärker miteinander verknüpft werden, das ohne Frage ambitionierte Ziel von 5D deutlich mehr Beachtung finden und ganz entscheidend: ein konkretes Finanzierungskonzept stehen.

 

Für eine ‚zukunftsfeste‘ Landwirtschaft müssen Tierhaltungs- und Herkunftskennzeichnung viel stärker miteinander verknüpft werden.

Ulf Klewitz
Porträt von Ulf Klewitz
Ulf Klewitz

Als Lebensmitteleinzelhändler beginnt unsere Verantwortung für die Produkte schon vor dem Angebot in unseren Märkten, bereits bei der Erzeugung. Wir setzen uns als Gründungsmitglied der Initiative Tierwohl seit 2015 für eine branchenweite Lösung der Verbesserung von Tierwohlstandards ein und unterstützen die Landwirtschaft aktiv, die Bedingungen in ihren Ställen über die gesetzlichen Standards hinaus zu verbessern. Dabei hat die Branche bereits 2018 eine vierstufige Haltungsformkennzeichnung für das gesamte Eigenmarken-Frischfleischsortiment entwickelt, die sowohl Schweine als auch Rinder und Geflügel miteinbezieht. Bei unserer jahrelangen, engen Zusammenarbeit mit Landwirt:innen, der Wissenschaft und NGOs sowie durch branchenweiten Austausch haben wir viel über wirkungsvolle Tierhaltungskennzeichnung gelernt.

Was braucht es aus unserer Sicht, um das Tierhaltungskennzeichen wirkungsvoller zu gestalten?

Für uns ist es ein großes Anliegen, auf die Bedeutung anderer Absatzkanäle hinzuweisen. Der LEH nimmt lediglich ein Drittel der Gesamtmengen an Fleisch ab. Trotzdem werden Gastronomie, Gemeinschaftsverpflegung und der Großhandel bei der verpflichtenden Kennzeichnung außen vor gelassen – warum? Das ist nicht nur kontraproduktiv für das Tierwohl, sondern ignoriert auch den Wunsch der Verbraucher:innen nach Transparenz bei Lebensmitteln.

Darüber hinaus beschränkt sich der Gesetzentwurf lediglich auf die Mast von Schweinen. Eine Ausweitung auf den gesamten Lebenszyklus des Tieres ist dringend notwendig, damit Anreize für eine Verbesserung der Haltungsbedingungen, beispielsweise in der Ferkelaufzucht oder der Sauenhaltung, gesetzt werden. Genau hier muss besonders kritisch auf das Wohl der Tiere geachtet werden. Daneben hat die etablierte Haltungsformkennzeichnung des Lebensmitteleinzelhandels bereits erfolgreich gezeigt, dass eine Ausweitung auf andere Tierarten durchaus möglich und auch notwendig ist. Auch bei den Vorgaben für verarbeitete Ware – wie Wurstwaren – sind wir im Handel bereits einen entscheidenden Schritt weiter. Bisher fehlen eben solche Regelungen im Gesetzesentwurf. Ein konkretes Timing für die Umsetzung ist dringend erforderlich.

Verlässliche Finanzierungszusagen – auch mithilfe staatlicher Mittel – sind die Basis dafür, dass Landwirt:innen in tierwohlgerechtere Ställe investieren. Dabei kann die Lösung nicht einfach sein, dass der Lebensmitteleinzelhandel diesen Mehraufwand komplett trägt. Ohne ein konkretes Finanzierungskonzept, das alle Marktteilnehmer miteinschließt, können weder die Investitionskosten der notwendigen Stallumbauten subventioniert, noch die laufenden Mehrkosten über die nächsten Jahre finanziert werden. Nicht zu vernachlässigen sind an dieser Stelle auch die notwendigen Anpassungen im Bau- und Genehmigungsrecht, die im aktuellen Entwurf völlig außen vor bleiben. Ohne längerfristige Investitionssicherheit in Form von klaren und verlässlichen Finanzierungszusagen wird eine staatliche Haltungskennzeichnung keine Entfaltungskraft entwickeln.

Auch ist unklar, inwiefern ein belastbares Kontrollkonzept etabliert wird, das die nachgelagerten Stufen im Blick behält und ausländische Betriebe abdeckt. Tierhalter:innen beschäftigt – berechtigterweise – die Sorge, ob und inwieweit es langfristig zu einer Bevorzugung ausländischer Ware kommt. Schließlich bezieht sich die Verbindlichkeit der Gesetzgebung nur auf den inländischen Markt – für Betriebe im Ausland wird lediglich von freiwilliger Kennzeichnung gesprochen.

Der Tierhaltungsstandort Deutschland ist für uns unmittelbar mit Qualität verbunden. Daher gilt es, die Haltungskennzeichnung im besten Fall mit einer Herkunftskennzeichnung zu verknüpfen. Damit kommen wir nicht nur dem Wunsch der Verbraucher:innen entgegen, zu „wissen, wo’s herkommt“. Auch nähern wir uns noch schneller dem Ziel, 100 Prozent des frischen Schweinefleisches nach den „5D-Kriterien“, also mit deutscher Herkunft, anbieten zu können. Langfristig bedarf es dafür einer EU-weit einheitlichen Regelung. Hierfür muss die deutsche Position zunächst klar stehen.

Der aktuelle Gesetzesentwurf ist ein erster Aufschlag, der zwingend ausgestaltet werden muss, um überhaupt wirkungsvoll zu sein.

Ulf Klewitz
Porträt von Ulf Klewitz
Ulf Klewitz

Die REWE Group befürwortet nichtsdestotrotz den Versuch, Verbrauchertransparenz, Wirtschaftlichkeit der Landwirtschaft und Tierwohl mittels dieser Lösung zu verbinden. Der aktuelle Gesetzesentwurf ist ein erster Aufschlag, der zwingend ausgestaltet werden muss, um überhaupt wirkungsvoll zu sein. Mit unseren Erfahrungen aus der Praxis beteiligen wir uns gerne an diesem Prozess.

Ihr Ulf Klewitz

 

Porträt von Ulf Klewitz
Über:
Ulf Klewitz

ist Geschäftsleiter Einkauf Wurst, Fleisch, Brot- und Backwaren und für die entsprechenden Produktionsbetriebe zuständig.

Über die REWE Group

Die genossenschaftliche REWE Group ist einer der führenden Handels- und Touristikkonzerne in Deutschland und Europa. Im Jahr 2020 erzielte das Unternehmen einen Gesamtaußenumsatz von rund 75 Milliarden Euro. Die 1927 gegründete REWE Group ist mit ihren mehr als 380.000 Beschäftigten in 21 europäischen Ländern präsent.

 

Zu den Vertriebslinien zählen Super- und Verbrauchermärkte der Marken REWE, REWE CENTER sowie BILLA, BILLA PLUS und ADEG, der Discounter PENNY, IKI, die Drogeriemärkte BIPA sowie die Baumärkte von toom. Hinzu kommen die Convenience-Märkte REWE To Go und die E-Commerce-Aktivitäten REWE Lieferservice und Zooroyal. Die Lekkerland Gruppe umfasst die Großhandels-Aktivitäten der Unternehmensgruppe im Bereich der Unterwegsversorgung. Zur Touristik gehören unter dem Dach der DER Touristik Group u. a. die Veranstalter DERTOUR, Jahn Reisen, ITS, Meiers Weltreisen, Travelix, Kuoni, Helvetic Tours, ITS Coop Travel, Billa Reisen, Koning Aap, Apollo, Exim Tours und Fischer, über 2.300 Reisebüros (u.a. DERTOUR, DERPART, Kuoni, Exim, Fischer sowie Franchise- und Kooperationspartner), die Hotelmarken Sentido, Aldiana, Calimera und Cooee sowie das Online-Reiseportal Prijsvrij Vakanties.