Der Browser, den Sie nutzen, bietet nicht den nötigen Komfort und besitzt ggf. einige Sicherheitslücken, die neuere Browser nicht aufweisen. Bitte verwenden Sie den aktuellen Edge, Chrome, Firefox oder Safari.
Teile diesen Artikel

Das geistige Eigentum an allen Texten, Bildern, Klang und Software auf dieser Website liegt bei REWE Group,
oder wurde mit Genehmigung des jeweiligen Inhabers der entsprechenden Rechte verwendet.
Es ist gestattet dieses Seite zu betrachten, Extrakte auszudrucken, auf die Festplatte Ihres Computers zu speichern und an andere Personen weiterzuleiten. Es ist jedoch nicht gestattet solche Inhalte kommerziell zu nutzen, Inhalte auch in Teilen in Publikationen zu verwenden. Weitergehende Rechte sind mit der Nutzung dieser Website nicht verbunden.
REWE Group ist nicht verantwortlich für fremde Inhalte von Websiten auf die von dieser Seite verwiesen wird.

2016

„Karriere geht auch ohne Studium“


Wenn es um die Berufswahl geht, orientieren sich viele junge Leute an dem, was Freunde und Bekannte machen. Dirk Werner, Ausbildungsexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), rät Schulabgängern, mutiger zu sein und ausgetretene Pfade zu verlassen. Und: Sie sollten mehr Engagement aufbringen für eine Entscheidung, die großen Einfluss auf ihr Leben hat.

Herr Werner, zum Start des neuen Ausbildungsjahres sind bundesweit mehr als 170 000 Lehrstellen unbesetzt. Allein für angehende Einzelhandelskaufleute sind 12 800 Stellen offen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag warnt, den Unternehmen gingen die Bewerber aus. Ist es tatsächlich so schlimm?
Das kommt darauf an, wohin man schaut. Es gibt nach wie vor viele Unternehmen, die keine Nachwuchssorgen haben. Sie schöpfen aus dem Vollen, denn sie haben sehr viel mehr qualifizierte Bewerber als Ausbildungsplätze. Aber leider gibt es auch eine zunehmende Zahl von Firmen, die Stellen nicht besetzen können – zum Beispiel im Handwerk. Seit 2005 ist die Zahl der Lehrstellenbewerber um 25 Prozent gesunken.

 

 ….und die Zahl der Studierenden rasant gestiegen. Manche sprechen von einem Akademisierungswahn.
Tatsächlich wären viele junge Leute, die zur Hochschule gehen, in einer Berufsausbildung besser aufgehoben – wenn sie diese Alternative ernsthaft prüfen würden. Aber das machen die wenigsten. Viele möchten möglichst lange im geschützten Raum Schule bleiben. Und wenn sie dann ihr Abitur geschafft haben, sagen sie: Jetzt habe ich die Möglichkeit zu studieren, dann mache ich das auch. Dass das nicht immer die beste Entscheidung ist, sehen wir an den hohen Abbrecherzahlen. Fast jeder dritte Student verlässt die Hochschule ohne Abschluss.

Aber auch viele Auszubildende halten nicht durch.
Richtig, aber die häufig genannten hohen Zahlen vermitteln ein falsches Bild. Denn zwei Drittel der vermeintlichen Abbrecher wechseln lediglich den Betrieb oder den Beruf und machen dann weiter. Der Anteil der „echten Abbrecher“ unter den Auszubildenden beträgt weniger als zehn Prozent.

Warum beschäftigen sich viele junge Leute so wenig mit der Möglichkeit, über eine betriebliche Aus- und Weiterbildung Karriere zu machen?
Dahinter steht oft die Überzeugung, mit einem abgeschlossenen Studium einen besser dotierten Arbeitsplatz zu bekommen und leichter aufsteigen zu können. Aber das ist keineswegs garantiert. Wer eine gute Ausbildung macht und sich kontinuierlich weiterbildet, läuft weniger Gefahr, arbeitslos zu werden als mancher Hochschulabsolvent. Ähnlich ist es beim Einkommen. Eine aktuelle Studie unseres Instituts zeigt, dass ein Viertel der Akademiker weniger verdient als ein durchschnittlicher Ausbildungsabsolvent.

Welche Rolle spielt das Sozialprestige bei der Berufswahl? Im Freundeskreis ist es doch schicker zu sagen: „Ich studiere Jura“ als von der Ausbildung beim Discounter zu erzählen.
Ja, für viele junge Leute ist es ganz wichtig, was der Freundeskreis denkt, welches Image ein Beruf hat.

Warum zieht es dann so viele Schul- und Studienabgänger in den öffentlichen Dienst, dem ein eher langweiliges Image anhaftet?
Weil Jobsicherheit ein wichtiges Kriterium bei der Arbeitgeberwahl ist – vor allem in einer immer komplexer werdenden Welt. Ein weiterer Punkt ist der starke Wunsch, Freizeit, Familie und Arbeit miteinander zu vereinbaren. Das gelingt nach Meinung vieler Menschen besonders gut mit einer Tätigkeit im öffentlichen Dienst.

Dagegen träumen Befragungen zufolge die wenigsten jungen Leute von einer Karriere bei einer Versicherung oder im Handel.
Wenn sie mehr über die Arbeit in diesen Branchen wüssten, würden viele möglicherweise ganz anders entscheiden. Die Tätigkeit bei einer Versicherung reduzieren viele auf den Verkauf von Policen, und mit dem Handel verbinden sie nur: Regale einräumen und an der Kasse sitzen. Sie wissen gar nicht, wie vielfältig und wie hochwertig viele Tätigkeiten in diesen Branchen sind und welche Aufstiegschancen sie auch für Nicht-Akademiker bieten. Gerade im Handel ist die Frage, ob ich Karriere mache, nicht immer eine Frage des Schulabschlusses.

Welche Rolle spielt die Höhe der Ausbildungsvergütung bei der Entscheidung für einen Beruf?
Mancher denkt, wo es am Anfang mehr gibt, gibt’s auch später tendenziell mehr als im Durchschnitt. Aber das ist häufig ein Irrtum. Deshalb lautet mein Rat: Schaut stärker nach vorne, prüft die Aufstiegsmöglichkeiten, die es in dem von euch favorisierten Beruf gibt. 

Informieren sich Schulabgänger zu wenig bevor sie sich für einen Beruf entscheiden?
Wie fällt denn die Entscheidung für einen Beruf? Man schaut, was Freunde und Bekannte machen, tauscht sich mit den Eltern aus – mit dem Ergebnis, dass häufig die üblichen Berufe gewählt werden, die man zu kennen glaubt. Mainstream eben. Dabei gibt es rund 330 duale Ausbildungsberufe. Warum denn nicht einmal einen Blick auf einen der weniger bekannten, aber auch spannenden Berufe wagen?  Manche Schulabgänger sollten sich fragen, ob sie ausreichend Engagement aufbringen für eine Entscheidung, die großen Einfluss auf ihr weiteres Leben hat.

Muss die Schule mehr Anregungen geben?
Unbedingt. Jugendliche müssen während der Schulzeit mehr Gelegenheit haben, sich mit Blick auf ihre Berufsentscheidung auszuprobieren. Das verlangt engagierte Lehrer, die bei Unternehmen dafür werben, dass junge Leute fundierte Einblicke in den beruflichen Alltag erhalten. Und das nicht nur bei den großen, bekannten Firmen, sondern auch bei kleinen Betrieben. Wichtig ist, dass Lehrer solche Praxisphasen intensiv vor- und nacharbeiten. Nur dann bringt das die Schüler voran.

Was können Unternehmen besser machen?
Sie müssen mehr tun als lediglich einen Tag der offenen Tür anzubieten. Gut wäre, wenn sie häufiger zusammen mit Auszubildenden in die Schulen gehen würden, damit die Azubis den Schülern aus ihrem Alltag erzählen. Das ist authentisch und schafft hohe Aufmerksamkeit. Es gibt viele gute Initiativen in diese Richtung. Leider erreichen sie noch zu wenig Schüler. Und ganz wichtig: Die Unternehmen sollten Aufstiegsperspektiven noch stärker herausstellen.

Hilft es, wenn Unternehmen ihre Einstellungsstandards senken und stärker nacharbeiten, was die Bewerber in der Schule versäumt haben?
Es führt für die Unternehmen kein Weg daran vorbei, künftig noch stärker Wissensdefizite aufzuarbeiten. Denn wer an seinen hohen Qualitätsstandards festhält, wird über kurz oder lange nicht genügend Bewerber finden. Eine gute Ausbildung kann vieles korrigieren. Und: Nicht immer sind die besten Schüler auch später spitze im Job.   

Was passiert, wenn es nicht gelingt, mehr Schulabgänger für eine betriebliche Aus- und Weiterbildung zu begeistern?
Dann werden bestimmte Tätigkeiten in Zukunft nicht mehr angeboten werden können. Der Bereich Pflege ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Nachwuchs fehlt: Es müssen verstärkt ausländische Arbeitskräfte angeworben werden. Im Handwerk werden sich Auftraggeber auf noch längere Wartezeiten einstellen müssen, und in Teilen des Handels wird es aus Personalmangel möglicherweise weniger Service geben.

Das Gespräch führte Stefan Weber