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2017

„Wir können nicht unpolitisch sein“


Trump, Brexit, Flüchtlingskrise. Ein Rechtsruck in vielen europäischen Ländern, Wahlen in Frankreich und Deutschland: Kann man als Unternehmen in solchen Zeiten unpolitisch bleiben? Nein - sagt Emilie Bourgoin, Leiterin Public Affairs bei der REWE Group. Im Interview erklärt die Französin, warum die Politik den Kontakt zur Basis braucht und welche Herausforderungen das Wahljahr 2017 bringt.

Emilie Bourgoin, Leiterin Public Affairs / Foto: Achim Bachhausen

In Politik und Wirtschaft erleben wir derzeit große Umbrüche: Brexit, Trump und ein drohender Rechtsruck in vielen europäischen Ländern. Welche Herausforderung sehen Sie im laufenden Wahljahr auf uns zukommen?
Emilie Bourgoin:
Vor dem Hintergrund von Brexit und den stärker werdenden populistischen Parteien dürfen wir nicht nur auf uns gucken, sondern müssen im Blick behalten, wie sich andere Länder politisch positionieren. Deutschland allein kann nicht das Rückgrat Europas sein, wir brauchen starke Partner. Daher blicke ich vor allem auf die Wahl in Frankreich.
Auch in Deutschland wird es spannend: Statt vier Parteien könnten nach der Bundestagswahl im September künftig sechs in den Bundestag einziehen. Je nachdem, welche Koalition daraus entstehen wird, könnte uns das in vielen Geschäftsfeldern behindern – oder unterstützen. Das müssen wir beobachten. Mit allen demokratischen großen Parteien arbeiten wir aber bereits sehr gut zusammen, von daher mache ich mir keine Sorgen.

Wen wünschen Sie sich denn persönlich als nächsten/n Kanzler/in?
Emilie Bourgoin:
Es geht nicht darum, was ich mir wünsche. Es gibt zwei gute Kandidaten. Die SPD hat sicherlich gut daran getan, Herrn Schulz zu nominieren. Er ist ein Pro-Europäer. Er kann für Sozialstandards, Zusammenhalt, Gerechtigkeit stehen – Werte, die nicht nur mir wichtig sind, sondern für die auch die REWE Group steht. Auf der anderen Seite war Angela Merkel in der Flüchtlingskrise für mich ein Leuchtturm – so eine Merkel hätten wir auch in Frankreich gebraucht. Ob Schulz oder Merkel – ich finde, Deutschland hat eine gute Auswahl. Beiden traue ich zu, die Vielfalt, Offenheit und den europäischen Gedanken zu verteidigen.

Sie haben die französische Staatsbürgerschaft und wählen ja in Frankreich.
Emilie Bourgoin:
Ja, ich werde für den unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron stimmen. Umfrage zufolge hat er derzeit beste Chancen,  seine rechtextreme Konkurrentin Marine Le Pen vom Front National zu schlagen. Das Rennen muss aus meiner Sicht ein Vertreter einer demokratischen Partei machen.

„Jeder von uns sollte politisch interessiert sein - denn wer denkt, es kommt nicht auf den einzelnen an, liegt falsch.“

Auch die REWE Group positioniert sich zunehmend politisch. Warum?
Emilie Bourgoin:
Jeder von uns sollte politisch interessiert sein – denn wer denkt, es kommt nicht auf den Einzelnen an, liegt falsch. Das hat man bei der US-Wahl oder dem EU-Ausstieg der Briten ja gesehen. Als Unternehmen haben wir darüber hinaus eine gesellschaftliche Verantwortung. Wir sprechen für 330.000 Mitarbeiter in Europa, mit 150 verschiedenen Nationalitäten. Jede politische Entscheidung hat auch Einfluss auf uns – bis zum einzelnen Markt. Etwa bei Themen wie Warenverkehr und Binnenmarkt, aber auch Ausbildung, Fachkräftemangel und Ladenöffnungszeiten.

Welches Interesse hat die Politik am Austausch mit Unternehmen? Muss Ihr Team stetig Klinken putzen, um gehört zu werden?
Emilie Bourgoin:
Im Gegenteil. Wir stellen fest, dass Politiker verstärkt auf uns zukommen, weil sie wissen, dass sie bei uns kompetente Ansprechpartner finden. Wir betreiben eine nachhaltige Unternehmensführung, sind zuverlässig und offen im Dialog. Das sind Qualitäten, die uns als Ansprechpartner attraktiv machen. Von uns bekommt die Politik sehr konkrete Antworten und Beispiele aus der Praxis – und das braucht sie, um Entscheidungen überhaupt treffen zu können. Die Zeiten, in denen es ausreicht, dass Verbände den kleinsten gemeinsamen Nenner ihrer Mitglieder vertreten, sind vorbei.

„Unsere Kaufleute schaffen ein viel besseres Verständnis für die Bedürfnisse im Handel und Mittelstand, als wir das jemals mit einem Positionspapier könnten.“

Vor drei Jahren haben Sie begonnen, REWE-Kaufleute zu Politikbotschaftern zu machen.  Warum können gerade Kaufleute die politischen Interessen der REWE Group am besten vertreten?
Emilie Bourgoin:
Unsere Kaufleute schaffen ein viel besseres Verständnis für die Bedürfnisse im Handel und Mittelstand, als wir das jemals mit einem Positionspapier könnten. Denn was Regionalität, Nachhaltigkeit oder den Arbeitsalltag eines selbstständigen Unternehmers angeht, lässt sich das am besten direkt am Regal erklären. Wenn sich ein Kaufmann und ein Politiker auf Augenhöhe begegnen und austauschen, entsteht daraus ein belastbarer Kontakt und ein Vertrauensverhältnis. Davon profitieren beide Seiten.

Macht man sich nicht angreifbar, wenn man sich politisch positioniert?
Emilie Bourgoin:
Das A und O für uns ist politische Neutralität. Privat soll sich natürlich jeder engagieren, wie er möchte, aber als Händler müssen wir neutral bleiben. Das ist auch im Sinne der Kaufleute. Dazu ein Beispiel: Wenn ein Kaufmann einen CDU-Wahlkampfstand vor seinem Markt erlauben möchte, kann er das tun – aber muss die SPD und die übrigen demokratischen Parteien darüber informieren, und das gleiche Angebot machen. Wichtig ist uns jedoch, dass die Werte der REWE Group respektiert werden. Wir stehen für Vielfalt, Zusammenhalt, Gerechtigkeit, Offenheit und Miteinander. Fachlich kann man unterschiedlicher Meinung sein - sollten wir jedoch Gesprächsangebote von Parteien oder Personen erhalten, die diese Werte ablehnen, behalten wir uns vor, uns mit diesen nicht intensiver auszutauschen.

Neben den Kaufleuten bringen Sie auch interne REWE Group-Experten mit der Politik zusammen. Wie kann man sich das vorstellen?
Emilie Bourgoin:
Wir als Public Affairs Team sehen uns als Vermittler, wir bringen die Leute zusammen. Aber die Fachexpertise haben andere Kollegen im Unternehmen. Für Politiker ist es viel interessanter, direkt mit Experten zu sprechen – und davon haben wir extrem gute bei der REWE Group, zum Beispiel aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Wertstoff- und Verpackungsgesetz, Tierwohl oder Energie. Wir erhalten stetig Anfragen der verschiedenen Fraktionen. Auch das ist eine Win-Win-Situation: Die Fachkollegen sehen die Chance, unsere Standpunkte unmittelbar bei der Politik anzubringen, und die Politik ist dankbar, dass wir unsere Expertise mit ihnen teilen.

Was haben Sie sich für 2017 vorgenommen?
Emilie Bourgoin:
In diesem Jahr versuchen wir unsere Kaufleute noch näher an die Themen der REWE Group heranzuführen. Wie sieht zum Beispiel im Bereich Digitalisierung und Omnichannel die Strategie der REWE Group aus? Wie positionieren wir uns beim Thema Nachhaltigkeit, oder Nahversorgung, Tierschutz? Denn unsere Kaufleute können uns nur gut repräsentieren, wenn sie wissen, was bei der REWE Group alles unterwegs ist.
Zentralseitig möchten wie uns stärker positionieren, enger mit den Fraktionen zusammenarbeiten und mehr Öffentlichkeit für unsere Themen schaffen. Dafür haben wir unser Team in Berlin verstärkt. Geplant sind außerdem diverse Veranstaltungen, wie das bereits gut etablierte Tagesspiegel Trendfrühstück.

Haben Sie auch Pläne für Brüssel?
Emilie Bourgoin:
Bisher sind wir als REWE Group in Brüssel kaum sichtbar – das möchten wir als europäischer Akteur ändern. Wir möchten unser eigenes Netzwerk und eine eigene Positionierung weiter ausbauen, und nicht nur über Branchenverbände agieren. Wir haben viele wichtige strategische Themen – insbesondere aus dem Digital-Bereich, wie Datenschutz, oder Big Data – die in Brüssel behandelt werden. Da müssen wir unsere Position einbringen.

Welche Handelsthemen sollten von der nächsten Bundesregierung unbedingt angepackt werden?
Emilie Bourgoin:
Chancengleichheit für das stationäre sowie Online-Geschäft. Es kann nicht sein, dass der stationäre Handel stärker reguliert wird als der E-Commerce. Wir haben eine Omnichannel-Strategie, daher ist beides für uns relevant. Ladenöffnungszeiten sind natürlich auch immer ein Thema: Wir setzen uns für liberale Öffnungszeiten an Werktagen ein, denn wir möchten unsere Öffnungszeiten dem Bedarf der Kunden anpassen. Und Expansion: Wir möchten die Möglichkeit haben, unsere Formate darzustellen und Verständnis bei Behörden schaffen, wenn wir beispielsweise eine Erweiterung eines Marktes planen, oder mehr Parkplätze brauchen. Das ist überlebenswichtig für einen Markt.
Grundsätzlich müssen wir noch mehr Bewusstsein für unsere genossenschaftliche Basis und für deren Werte schaffen. Unsere Kaufleute sind Mittelständler, die für ihren Markt und ihre Mitarbeiter, Familie und Tradition stehen – mit Leib und Seele. Dafür wünschen wir uns mitunter noch mehr Anerkennung.

Ihr Wunsch für das Wahljahr 2017 – in einem Satz.
Emilie Bourgoin:
Ich wünsche mir, dass die demokratischen Werte gewinnen – und unsere 330.000 Mitarbeiter bei der REWE Group dabei helfen, sie zu verteidigen.

Das Gespräch führte Julia Klotz.