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2016

"Wir sind träge geworden weil wir im Schlaraffenland leben"


Interview mit Sportwissenschaftler Ingo Froböse

Ist der Mensch von Natur aus faul? Oder weshalb haben viele von uns keine Lust auf Sport? Wie findet man das richtige Maß an Bewegung - sowohl in der Freizeit als auch im Job? Fitness-Experte Prof. Ingo Froböse nimmt bei seinem Lieblingsthema kein Blatt vor den Mund. Lesen Sie hier, was er vom Manager-Sport Marathon hält und warum er Führungskräfte wie Mitarbeiter in die Verantwortung für die Fitness nimmt. Warum der Spaßaspekt den Leistungsaspekt beim Sport überwiegen sollte. Und warum Sportler im Job besonders gut sein können.

Fitness-Experte Prof. Ingo Froböse im Interview

Herr Prof. Froböse, der Fitnessmarkt boomt. Es gibt immer mehr Studios und Personal Trainer – reale und digitale. Laufveranstaltungen haben Konjunktur, und das Equipment wird immer besser. Für viele Menschen ist Fitness ein Lebensstil. Aber mindestens ebenso viele fühlen sich am wohlsten auf der Couch….
Ingo Froböse: Die Situation ist noch viel dramatischer. Denn es ist nicht nur zu fragen, wie viel sich die Menschen in ihrer Freizeit bewegen. Sondern auch: Wie viel Bewegung haben sie an ihrem Arbeitsplatz? Wie oft unterbrechen sie ihre sitzende Tätigkeit? Insgesamt steht für mich fest: Allenfalls zehn Prozent der Menschen in Deutschland haben täglich einen ausreichenden motorischen Reiz. Welche Folgen das hat, wusste schon Oma: Wer rastet, der rostet.

Viele sagen: Ich würde gerne mehr Sport treiben, aber mir fehlt die Zeit.
Ingo Froböse: Das lasse ich nicht gelten. Viele, die das sagen, gucken am Wochenende acht bis zehn Stunden Sport im Fernsehen. Gucken ja, machen nein. Außerdem gibt es viele Möglichkeiten, sich im Alltag mehr zu bewegen. Statt zum Beispiel minutenlang auf den Fahrstuhl zu warten, könnte man ja mal Treppen steigen.

Wenn es nicht die fehlende Zeit ist, was ist es dann?
Ingo Froböse: Es liegt nicht unbedingt in unserer Natur, uns bewegen zu wollen. Wir müssten es zwar, weil die Zellen Bewegung brauchen. Aber über die Generationen sind wir träge geworden, weil wir im Schlaraffenland leben. Früher mussten die Menschen 20 bis 30 Kilometer täglich zurücklegen, um Nahrung zu beschaffen. Heute rufen sie den REWE Lieferservice an. Schauen sie in die Tierwelt: Wenn ein Löwe in der Savanne rumläuft, dann entweder, weil eine zarte Antilope vorbeiläuft oder eine sexy Löwin. Also Bewegung wegen Nahrungssuche oder Sex. Aber wir haben die Savanne nicht mehr. Wir haben eine andere Umwelt. Deshalb müssen wir kompensieren.

Menschen werden aber doch nicht träge geboren. Die meisten Kinder haben einen gewaltigen Bewegungsdrang….
Ingo Froböse:…der dann früh zugedeckt wird, etwa durch Erziehung: „Bleib still sitzen!“, ermahnen wir schon die Kleinen. Damit entziehen wir den Kindern den Bewegungsvirus. Hinzu kommt, dass Bewegung in der Bildung keine Bedeutung hat. Hier hat Sport allenfalls einen Leistungsaspekt, aber nur selten einen Gesundheitsaspekt. Bei vielen Menschen hat der Sportunterricht negative Spuren hinterlassen. Es wurden Teams gewählt und sie blieben lange auf der Bank sitzen. Eine solche Stigmatisierung möchten sie nicht wieder erleben und meiden später sportliche Betätigungen – aus Furcht vor erneuten Enttäuschungen.

Aber es gibt doch viele Spätberufene, die mit 50 den Sport für sich entdecken – nach Familiengründung, Hausbau und wichtigen Karriereschritten.
Ingo Froböse: Nur ist es da mitunter zu spät: Es zeigen sich erste Gebrechen, die Körperform hat sich verändert und der Zeiger der Waage neigt sich nach rechts. In dieser Phase wieder anzufangen, erfordert eine hohe Motivation und viel Disziplin.

Gerade unter Top-Managern scheint es zum guten Ton zu gehören, Marathon zu laufen.
Ingo Froböse: Das dokumentiert für mich allenfalls Disziplin und Verbissenheit. Es suggeriert: Der ist ein harter Hund! Aber es sagt nichts über die Leistungsfähigkeit eines Managers. In Führungsetagen wünsche ich mir kreative, innovative, offene und kommunikative Menschen. Hinzu kommt: Wer viel arbeitet und auch noch Marathon läuft, nimmt dem Körper Regenerationsmöglichkeiten.

Ich laufe keinen Marathon, obwohl ich sehr gut trainiert bin. Ein Marathon ist keine geeignete Belastung für den menschlichen Körper. Ich treffe oft Marathonläufer, die völlig ausgelaugt sind, die viele Entzündungsparameter in ihrem Körper haben. Das Gesunde am Marathon ist das Training und nicht der Marathon als solcher. Für mich ist Marathon kein Sport, sondern ein Event, an dem man vielleicht mal mitmacht.
Aber steht Marathon nicht sinnbildlich für eine gute Portion Ehrgeiz?
Ingo Froböse:
Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung davon, was sie für ihre sportliche Karriere tun sollten. Leider wird Sport viel zu sehr zur Leistungsmessung herangezogen. Der Ursprung des Sports bleibt dagegen auf der Strecke – das Spielerische, das Natürliche.

„Höher, schneller, weiter“ ist der falsche Ansatz. Das können wir uns im Fernsehen anschauen. Das Leitmotiv sollte vielmehr sein, Sport so zu treiben, dass man sich subjektiv unterfordert fühlt. Wenn man nach der Anspannung sagt: „Wow, war das schön. Das mache ich morgen wieder“, dann war es genau richtig.
 

Was kann der Arbeitgeber tun, damit Mitarbeiter sich mehr bewegen, aber nicht überanstrengen?
Ingo Froböse:
Die Führungskräfte müssen Vorbild sein für einen gesunden, aktiven Lebensstil, der Pausen und Regeneration ermöglicht. Sportler werden erst durch Pausen richtig gut. Training ist nur Mittel zum Zweck. Mit der Pause passt sich der Körper positiv an. Aber Pause heißt nicht: weiter vor dem Computer daddeln oder mittags mit den Kollegen Essen gehen und weiter über die Arbeit reden. Wichtig ist, raus aus dem Arbeitsprozess zu kommen, Ablenkungen zuzulassen. Etwa mit einem Spaziergang. Und warum muss eigentlich jeder am Arbeitsplatz alles in Griffweite haben? Die Kaffeemaschine und der Drucker sollten weit weg stehen. Warum lassen wir nicht wieder Wege zu?

Weil es nicht zur Arbeitsökonomie passt.
Ingo Froböse: Ja, aber es passt zur Biologie. Und wir wollen doch langfristig gesunde, fitte Arbeitnehmer.

Stichwort "Betriebssport": Gibt es da eine merkbare Entwicklung?
Ingo Froböse:
Der Betriebssport ist im Wandel, ab er es gibt noch viel Luft nach oben. Immer zur selben Zeit dieselbe Tischtennisgruppe – das ist nicht mehr zeitgemäß. Wichtig ist, schon die Auszubildenden an das Thema Bewegung heranzuführen. Mit modernen Angeboten wie Skaten, Longboard oder Roller fahren. Und warum nicht auch Reisen? Etwa Skilanglaufkurse, gerne auch für die gesamte Familie.

Da werden die Verantwortlichen in den Unternehmen fragen: Was kostet und was bringt uns das?
Ingo Froböse: Das ist der falsche Ansatz. Ökonomisch lässt sich die Sache nicht fassen. Natürlich braucht es einen Kümmerer, einen Verantwortlichen, am besten von der Basis. Den haben viele nicht. Oft habe ich den Eindruck, die Unternehmen kaufen sich ein wenig frei, von ihrer Pflicht, Gesundheitsangebote zu machen. Da legen sie drei Äpfel hin, kleben ein Poster an die Wand, und das war es dann. Mit Konzept hat das nichts zu tun. Andere wollen zu viel, planen gleich einen großen Aufschlag. Unsicherheit herrscht vor allem bei Mittelständlern. In großen Unternehmen wie der REWE Group gibt es häufig feste Strukturen. Das ist super.

Machen beim Betriebssport nicht nur die mit, die ohnehin Sport treiben, aber nicht die, die es eigentlich nötig haben?
Ingo Froböse: Ja, die Gefahr besteht. Aber das sollte niemand bremsen, Angebote zu machen. Irgendwie muss man doch einmal anfangen. Und umso wichtiger ist es, gleich die Basis mitzunehmen und zu fragen: Welche Angebote wünscht Ihr Euch?

Was kann der Arbeitgeber von den Mitarbeitern verlangen?
Ingo Froböse: Auch wenn es unbequem ist: Jeder Mitarbeiter hat die Pflicht, für seine Leistungsfähigkeit zu sorgen. Beispiel Urlaub. Das ist doch nichts anderes als geschenkte, bezahlte Zeit, in der der Mitarbeiter nach einem anstrengenden Jahr Kräfte sammeln soll. Auf Mallorca erlebe ich regelmäßig genau das Gegenteil.

Manche sagen, meine Arbeit macht mich krank….
Ingo Froböse: Arbeit per se macht nicht krank. Entscheidend ist der Umgang mit der Arbeit, der Lebensstil. Viele sagen am Freitag, nach einer anstrengenden Arbeitswoche: „Toll, dass wieder Wochenende ist“ und organisieren dann zwei Tage, die eben nicht geeignet sind, Kräfte zu sammeln. Dann kann man nicht montags vom Arbeitgeber verlangen, die Belastung zu reduzieren, weil alles so anstrengend ist. Nein, gefragt ist ein gesunder Umgang mit sich selbst.

Wie findet jeder die Sportart, die zu ihm passt?
Ingo Froböse: Jeder ist anders. Es gibt Spieler und Läufer. Wichtig ist, dass sowohl Ausdauer als auch Kraft trainiert werden. Beides hält uns gesund. Laufen, Schwimmen, Radfahren – das sind die natürlichsten Bewegungen, gut um die Ausdauer zu steigern. Kraft lässt sich im Fitnessstudio, aber auch zu Hause mit Gymnastik schulen, am besten gleich morgens nach dem Aufstehen. Balltypen suchen sich dazu noch eine Spielform

Sind Sportler die besseren Mitarbeiter?
Ingo Froböse:
Sportler zeichnen sich besonders häufig durch Charaktermerkmale aus, die für das Arbeitsleben wichtig sind. Etwa Disziplin, im Sinne von hartnäckig sein, nicht aufgeben. Dazu kommt ein hoher Optimismus. Sie gehen Aufgaben positiv an. Sie sind meist besonders teamfähig, wissen mit Niederlagen umzugehen, kennen Verantwortung. Spitzensport ist Mikrokosmos. Da lässt sich das gesamte Leben in kurzer Zeit erleben.

Und vor allem: Sportler schätzen die Ressourcen, die ihnen mitgegeben wurden. Sie tun alles, um diese optimal zu nutzen. Nichtsportler wissen oft zu wenig, was gut ist für ihren Körper. Das ist ein Versäumnis der Schule. Aber auch der Arbeitgeber hat die Pflicht, Mitarbeiter in Sachen Gesundheit kompetent zu machen. Was sie dann daraus machen, ist ihre Sache.

Das Gespräch führte Stefan Weber.