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„Wir können ein Zeichen für mehr Wertschätzung setzen“

Jan Kunath im Interview zum Thema Food Waste.

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Herr Kunath, wie oft kommt es bei Ihnen zu Hause vor, dass Sie Lebensmittel wegwerfen müssen? Und was tun Sie, damit es möglichst selten passiert?
Jan Kunath: Wir haben zwei Kinder und sind viel unterwegs. Da ist es nicht immer leicht zu planen, wieviel eingekauft und gekocht wird. Aber wir achten sehr darauf, Lebensmittel richtig zu lagern, damit möglichst wenig vorzeitig verdirbt. Was bald gegessen werden sollte, steht im Kühlschrank vorne. Auch einen Joghurt, bei dem das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, werfe ich nicht direkt weg, sondern vertraue auf meine Sinne. Außerdem achtet meine Frau darauf, dass Reste auch beim Kochen berücksichtigt werden. Natürlich kommt es dennoch vor, dass mal etwas stehen bleibt, aber es ist schon viel weniger geworden.

Laut Statistik landet noch immer viel Essen im Müll -  jährlich sind es hierzulande etwa 82 Kilogramm pro Kopf. Fehlt uns in Deutschland die Wertschätzung für Lebensmittel?
Jan Kunath: Das würde ich pauschal nicht sagen – aber in einer Überflussgesellschaft wie in Deutschland ist der Begriff Mittel zum Leben (also Lebensmittel) nicht mehr im wahrsten Sinne des Wortes spürbar. Es macht daher Sinn, die öffentlichen Diskussionen über unnötige Lebensmittelvernichtung zu führen, ohne Menschen/Kunden für ihr Verhalten an den Pranger zu stellen. Aufklärung, Erziehung und Schulung sollten dabei im Mittelpunkt stehen, um damit auf die Vernunft der Bürger zu setzen.

„Günstige Preise und ein achtsamer Umgang mit Lebensmitteln sind kein Widerspruch“

Kritiker sagen: Der Preiskampf im Lebensmittelhandel ist ein Grund für die mangelnde Wertschätzung.
Jan Kunath: Für viele Kunden geht es vor allem um den Preis, was natürlich auch eine Frage des Einkommens ist. In Deutschland wird rund zehn Prozent des Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgegeben, damit ist Deutschland fast das Schlusslicht in Europa. Dem richtigen VK-Preis werden wir uns nicht entziehen können – aber dennoch können wir als Händler ein Zeichen für mehr Wertschätzung setzen. Wir tun das bereits durch Vermarktungsaktionen von Obst und Gemüse, das nicht makellos ist, und das Bauern sonst kaum noch verkaufen könnten. Durch die Bio-Helden. Und durch die Zusammenarbeit mit regionalen Erzeugern. Aber auch durch Aufklärung: Wie lagere ich Lebensmittel richtig? Was lässt sich aus Resten kochen? Darüber informieren wir in den Märkten und auf unseren Webseiten. Günstige Preise und ein achtsamer Umgang mit Lebensmitteln sind hier kein Widerspruch.

Inwiefern spielt Regionalität bei der Wertschätzung für Lebensmittel eine Rolle?
Jan Kunath: Regionale Identität ist möglicherweise sogar eine der Stellschrauben, wenn es um das Bewusstsein für Lebensmittel geht. Denn bei Produkten aus der Region geht es oft um das Handwerkliche und den emotionalen Faktor beim Kauf. Wenn man zum Beispiel weiß, woher die Wurst aus dem Kühlschrank kommt, wie das Tier gehalten wurde, welche Philosophie der Hersteller vertritt, erhöht das die gefühlte Wertigkeit. Und solche Produkte werden weniger leichtfertig entsorgt.

In Deutschland gibt es Diskussionen darüber, ob wir tatsächlich ein Mindesthaltbarkeitsdatum benötigen. Wie stehen Sie zu dem Vorschlag?
Jan Kunath: Die Diskussion finde ich grundsätzlich gut, denn so entsteht in der Öffentlichkeit hoffentlich ein stärkeres Bewusstsein dafür, was das Mindesthaltbarkeitsdatum ist: Ein Orientierungswert, aber kein Ablaufdatum. Denn noch immer werden viele Lebensmittel entsorgt, die noch genießbar wären, weil das MHD falsch interpretiert wird. Bei einigen extrem lange haltbaren Produkten wie Honig oder Reis ist die Frage berechtigt, ob ein Mindesthaltbarkeitsdatum überhaupt noch sinnvoll und zeitgemäß ist. Einen grundsätzlichen Verzicht auf das MHD sehe ich jedoch nicht, da es insbesondere bei frischen, kühlpflichtigen Produkten eine wichtige Entscheidungshilfe für die Verbraucher bietet. Es sollte versucht werden, den Unterschied von MHD und Verbrauchsdatum besser zu kommunizieren.

Das EU-Parlament hat gefordert, die Verschwendung von Lebensmitteln in der EU bis 2025 um die Hälfte zu verringern. Das Bundesverbraucherministerium überbot diese Forderung noch: In Deutschland soll die Halbierung bereits bis 2020 erreicht werden. Machen Ihrer Ansicht nach solche Ziele Sinn?
Jan Kunath: Also zunächst: Alle Zahlen über die Mengen von verschwendeten Lebensmitteln sind Schätzungen, die teilweise wiederum auf solchen beruhen. Mir erscheint es nicht besonders sinnvoll eine vorzeitige Halbierung erreichen zu wollen, obwohl die Ausgangsbasis gar nicht klar ist. Ich sehe in dem Plan des Bundesverbraucherministeriums daher in erster Linie eine Betonung der Wichtigkeit des Themas.Tatsache ist: Es wir zu viel vernichtet, egal wie viele Kilogramm es am Ende sind. Postulate allein werden das Problem aber nicht lösen. Alle an der Wertschöpfung Beteiligten müssen jeweils ihre Kunden erreichen und ansprechen. Denn der Schlüssel zum Erfolg liegt im heimischen Kühlschrank. Auch beim Restaurant-Besuch sollten wir lernen umzudenken, das Brot zum Gruß aus der Küche einpacken und nicht zurückgehen lassen. Denn dann muss es vernichtet werden. Selbstverständlich müssen auch Handel, Industrie und Erzeuger an einen Tisch. Mit den Bio-Helden haben wir ja gezeigt, dass wir als Händler durchaus über den Tellerrand blicken.

Welche Innovationen könnten Ihrer Meinung nach das Thema voranbringen?
Jan Kunath: Der technische Fortschritt könnte in Zukunft eine Menge bewirken, zum Beispiel intelligente Verpackungen, die dem Verbraucher signalisieren, ob ein Produkt noch genießbar ist. Den Ansatz finde ich sehr spannend. Damit so eine Idee den Sprung in den Handel schafft, müssen jedoch unter anderem die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Auch Produktinnovationen spielen eine Rolle, wie die ESL-Milch. Sie ist ungeöffnet und gekühlt bis zu vier Wochen haltbar und unterscheidet sich qualitativ kaum von der traditionellen Frischmilch.

Was ist Ihr persönlicher Food Waste-Tipp?
Jan Kunath: Der Klassiker: Vertrauen Sie Ihren Sinnen wieder mehr. Riechen, gucken, schmecken – so merken Sie schnell, dass nicht jeder Joghurt, dessen MHD abgelaufen ist, in die Tonne gehört.

Das Gespräch führte Julia Klotz